Contents: Die deutsche Wirtschaft

Wirtschaft und politische Parteien, 51 
großen politischen Ideen in den Vordergrund zu schieben und wehren 
sich dagegen, in Abhängigkeit von den großen Wirtschaftsgruppen 
zu gelangen. Das führt nun wiederum dazu, daß diese glauben, 
daß ihre Interessen nicht genügend von den politischen Parteien ver- 
treten werden, Infolgedessen beginnen sie, bei der Wahl selbständig 
vorzugehen, Schon in der Nationalversammlung war der Bayerische 
Bauernbund als einzelne Wirtschaftsorganisation vertreten. Bei den 
Wahlen zum ersten Reichstag stellte der Landbund in Thüringen 
eine eigene Liste auf. Die Gewählten schlossen sich der Deutsch- 
nationalen Volkspartei und der Deutschen Volkspartei an, Bei den 
Reichstagswahlen im Mai 1924 ging der Landbund nicht nur in Thüringen 
sondern auch in Baden, in Württemberg und in Hessen mit eigenen 
Listen vor, Neben ihm trat die Wirtschaftspartei auf, die im wesent- 
lichen im städtischen Grundbesitz Unterstützung fand, der sich von den 
bürgerlichen Parteien infolge des Fortdauerns der Zwangswirtschaft 
vernachlässigt fühlte. Dazu traten gewisse, ebenfalls verärgerte Kreise 
des Handwerks und Kleinhandels, Daß diese auf rein wirtschaftlicher 
Grundlage gewählten Abgeordneten, um eine Fraktion zu bilden, sich 
nicht nur mit dem Bayerischen Bauernbund, sondern auch mit den rein 
auf politischer Grundanschauung beruhenden Deutsch-Hannoveranern 
zu einer Fraktion zusammenfanden, ist eine der politischen Merk- 
würdigkeiten, an denen unsere Zeit so überreich ist. Die vom Land- 
bund gewählten Kandidaten sind ausnahmslos der Deutschnationalen 
Volkspartei beigetreten, haben also keine eigene Fraktion gegründet. 
Damit ist die alte Frage: Politische oder ständische Vertretung? wieder 
aufgeworfen. Sollen die Entscheidungen der Politik im großen und im 
kleinen von Abgeordneten gefällt werden, die auf Grund eines politisch 
aufgebauten Wahlsystems gewählt werden, oder von Abgeordneten, die 
von einzelnen Wirtschaftsgruppen als ihre Vertreter gewählt worden 
sind? Bisher hat die öffentliche Meinung die letztere Auffassung 
bekämpft, und zwar aus zwei Gründen. 
Die letzten großen Entscheidungen eines Volkes liegen auf dem 
Gebiet seiner äußeren Politik in der Richtung auf die Selbstbehauptung 
als Nation, Sie liegen in der Stellung zur Verfassung, zur inneren 
Gestaltung, sie liegen auf kulturellem Gebiet. Zu diesen großen Fragen 
können nur politische Parteien das Wort nehmen. Sie können nicht 
vom Standpunkt einer Interessentengruppe, sei es einer noch so 
wichtigen, entschieden werden. Wirtschaftsfragen, so sehr sie uns 
auch im Augenblick beschäftigen und so sehr von ihrer richtigen Lösung 
der Fortbestand des Deutschen Reiches abhängt, sind, gegenüber den 
letzten politischen Fragen, sekundär. Nicht Rathenau hat recht, als 
er die Wirtschaft das Schicksal nannte, sondern Napoleon I. mit seinem 
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