Über den „Wert‘* der Unehelichen. 83
optische Täuschung einer lokalen hohen Unehelichkeit nicht
aufkommen zu lassen, beweist jedoch nicht etwa, daß die
Schweizer in geschlechtlichen Dingen moralischer seien als die
betreffenden anderen Nationen als solche, sondern sie erhärtet
lediglich die Tatsache, daß die an sich ärmere, unsolidere und
verlassenere Gruppe der Ausländer ein größeres Kontingent un-
ehelicher Geburten liefert als die meist unter behaglicheren Be-
dingungen lebenden Eingeborenen 113,
Nach alledem müssen wir Inama-Sternegg beipflichten, wenn
er dafürhält, daß die Fällung eines abschließenden, auf statisti-
schen Grundlagen beruhenden moralischen Urteils über die
Massentatsachen der unehelichen Progenitur grundsätzlich ein
Ding der Unmöglichkeit seill4, Von dem von Tönnies aus-
gesprochenen Satz, daß die Moralstatistik mehr Fragen offen
lasse, als sie beantworte, ist mindestens das „offen lassen“ zu-
treffend 115.
2. Einiges über den »Wert« der Unehelichen.
Vielleicht dürfte hier zunächst die Bemerkung am Platze sein,
daß die Unehelichkeit keineswegs nur, wie es aus hinzutretenden
ökonomischen Gründen allerdings meistens zutreffen wird,
schwächlichere, sozial weniger brauchbare und in hohem Um-
fang übel prädestinierte Kinder zur Welt bringt. In der Ge-
schichte kann beobachtet werden, daß die unehelichen Kinder,
die sogenannten Bastarde, sehr oft Menschen großen Wertes
waren und physisch wie psychisch weit über ihre ehelichen
Halbbrüder hervorragten 11%. Dafür fehlt es nicht an historischen
Beispielen: Dunois, der Connetable de Bourbon, Don Juan de
28 Vgl. hierzu unser Kapitel Psychische Isolierung
114 Inama-Sternegg, Neue Probleme, S. 3ır.
15 Tönnies, Moralstatistik, 5. 644.
16 Th6odore Ribot, L’Her6dit6 psychologique, 7. Aufl., Paris 1902,
Alcan, p. 195.