Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 451
nicht mit einem abstrakten oder ökonomischen Menschen, sondern
mit einem Menschen ans Fleisch und Blut“ 1 ). „Und wenn“, sagt
Maeshall, „unter den Beweggründen, denen der Mensch gehorcht,
der Volkswirtschaftler besonders die Jagd nach dem persönlichen
Gewinn studiert, so bedeutet das nicht, daß er die Volkwirtschaft
auf eine „Naturgeschichte des Egoismus“ beschränken will, sondern
einfach, daß die Wirkungen dieser Triebfeder, da sie sehr oft in
Geld meßbar sind, sich leichter zu einer wissenschaftlichen Unter
suchung eignen, als zum Beispiel die Beweggründe der Nächsten
liebe, der Eitelkeit oder des Pflichtgefühls“ 2 ). Die Hedonisten, für
die die reine Ökonomik auf einem Abwägen Ton Lust und Unlust
beruht, weisen ausdrücklich darauf hin, daß die Hypothese, auf die
sie sich stützen, nur eine bequeme Vereinfachung der Wirklichkeit
ist, deren man nicht entbehren kann, um die Analyse der Tatsachen
so weit wie möglich zu treiben. Es ist eine notwendige und daher
berechtigte Abstraktion, aber doch eine Abstraktion.
c) Hier tritt nun gerade die historische Schule dazwischen, um
den Klassikern einen neuen Vorwurf zu machen; die mißbräuchliche
Anwendung der Abstraktion und der Deduktion, und auf diesen Vor
wurf legt sie vielleicht den stärksten Nachdruck.
An Stelle der Deduktion möchte die Schule als vorherrschende
Methode die auf die Beobachtung gegründete Induktion treten
sehen.
Diese Kritik des deduktiven Schlußverfahren steht in enger Be
ziehung zu' dem vorhergehenden Punkte. Da die klassischen Volks
wirtschaftler im Menschen nur ein einziges treibendes Motiv sehen
wollten, so glaubten sie, wie die Anhänger der historischen Schule
sagen, daß sie aus einer einzigen Tendenz auf Grund von Schluß
folgerungen a priori alle wirtschaftlichen Gesetze ableiten könnten.
Wenn man sich aber im Gegenteil Rechenschaft von der Vielfältigkeit
der in der wirtschaftlichen Welt in Betracht kommenden Beweg
gründe gebe, so springe die Mangelhaftigkeit dieses Verfahrens in die
Augen. Man komme dabei nicht zu einem Bilde, sondern zu einer
Karrikatur der Wirklichkeit. Nur eine geduldige Beobachtung ge
statte auf Grund von vorsichtigen Induktionen nach und nach die
Schäftung einer wirtschaftlichen Theorie, die der komplizierten Mannig
faltigkeit der Tatsachen gerecht wird. „Und in der Zukunft“, schreibt
Schmollee 1883 in seiner Antwort an Mengee, „wird für die National
ökonomie eine neue Epoche kommen, aber nur durch Verwertung des
ganzen historisch-deskriptiven und statistischen Materials, das jetzt
‘) Maeshall, Principles, B. I, Kap. V, § 9.
2 ) Ebenda, B. I, Kap. V, § 7.