Full text: Ferdinand Lassalle

162 
2. Aber werden Sie auch den zweiten Schlag, den 
ich Ihnen zu erteilen habe, überwinden? Sophie, ich 
bin — ein Jude. Mein Vater und meine Mutter sind 
Juden, und wenn ich auch innerlich ebensowenig Jude 
bin wie Sie, sogar noch weniger, wenn es möglich ist, 
so habe ich mich doch noch nicht von meiner Religion 
losgesagt, weil ich auch keine andere annehmen wollte. 
Ich kann wohl versichern, daß ich nicht mehr Jude bin, 
aber ohne Lüge kann ich auch nicht versichern, Christ 
geworden zu sein. 
Bei uns macht es nichts mehr aus, Jude zu sein; denn 
bei uns in Deutschland, in Frankreich, in England ist 
dies nur eine Religion, keine Nationalität. Man ist 
bei uns Jude, wie man Protestant oder Katholik 
ist. Bei uns besonders, wenn man einen Ruf von 
Geist und Talent hat, wie ich, wird nian allen gleich, 
und es gibt nichts, das ich nicht erreichen könnte, wenn 
ich einwilligen würde, mit der eristierenden Regierung 
zu paktieren. 
Aber das ist alles ganz anders bei Ihnen in Rußland. 
Sie selbst sagten mir, daß das Judentum dort eine 
Nationalität, nicht eine Religion ist. Es ist wahr. Sie 
lieben meinen Freund Heine, obschon er auch ein Jude 
war; aber es ist doch ein großer Unterschied zwischen 
poetischer Verehrung und einer Ehe in der wirklichen 
Welt. Ihre Landsleute werden Sie wegen der Heirat 
mit einem Juden verachten! Sie, Abkömmling von 
Fürsten, einen Menschen heiraten, welcher — es ist wahr 
— wenn die Abstammung ein Recht zum Stolze gäbe, 
stolzer sein könnte wie ihr alle, da er von einem Volke 
abstammt, welches älter ist als alle Fürsten und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.