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2. Aber werden Sie auch den zweiten Schlag, den
ich Ihnen zu erteilen habe, überwinden? Sophie, ich
bin — ein Jude. Mein Vater und meine Mutter sind
Juden, und wenn ich auch innerlich ebensowenig Jude
bin wie Sie, sogar noch weniger, wenn es möglich ist,
so habe ich mich doch noch nicht von meiner Religion
losgesagt, weil ich auch keine andere annehmen wollte.
Ich kann wohl versichern, daß ich nicht mehr Jude bin,
aber ohne Lüge kann ich auch nicht versichern, Christ
geworden zu sein.
Bei uns macht es nichts mehr aus, Jude zu sein; denn
bei uns in Deutschland, in Frankreich, in England ist
dies nur eine Religion, keine Nationalität. Man ist
bei uns Jude, wie man Protestant oder Katholik
ist. Bei uns besonders, wenn man einen Ruf von
Geist und Talent hat, wie ich, wird nian allen gleich,
und es gibt nichts, das ich nicht erreichen könnte, wenn
ich einwilligen würde, mit der eristierenden Regierung
zu paktieren.
Aber das ist alles ganz anders bei Ihnen in Rußland.
Sie selbst sagten mir, daß das Judentum dort eine
Nationalität, nicht eine Religion ist. Es ist wahr. Sie
lieben meinen Freund Heine, obschon er auch ein Jude
war; aber es ist doch ein großer Unterschied zwischen
poetischer Verehrung und einer Ehe in der wirklichen
Welt. Ihre Landsleute werden Sie wegen der Heirat
mit einem Juden verachten! Sie, Abkömmling von
Fürsten, einen Menschen heiraten, welcher — es ist wahr
— wenn die Abstammung ein Recht zum Stolze gäbe,
stolzer sein könnte wie ihr alle, da er von einem Volke
abstammt, welches älter ist als alle Fürsten und