Full text : Ferdinand Lassalle

199

Begegnung  in  Berlin
Lassalle  war  an  diesem  Abend  sehr  interessant.  Es
schien  mir,  als  ob  die  frühere  Zeit,  die  Zeit  unserer
Freundschaft,  zurückgekehrt  sei.  Es  war  niir  wieder
leicht  zumute  in  seiner  Nähe,  obschon  Lässalle  im  allgemeinen ­
  in  trüber  Stimmung  war;  er  sprach  viel
weniger  und  leiser  als  gewöhnlich;  auch  schwieg  er  öfters,
nachdenkend,  längere  Zeit.  An  diesem  Abend,  wo  fortwährend ­
  ein  Schatten  von  wahrer  Traurigkeit  bei  ihm
durchblickte,  ohne  den  geringsten  theatralischen  Effekt,
zu  dem  er  sonst  häufig  genug  griff,  schien  er  mir  sehr
sympathisch.  Um  so  mehr,  da  er  in  bezug  auf  mich  nur
warme  Freundschaft  ausdrückte.  Und  gerade  dies  war
mir  am  wohltuendsten.  Er  blieb  lange  bei  uns  sitzen
und  stand  erst  dann  eilig  auf  und  verabschiedete  sich,
als  er  merkte,  daß  mein  Vater  ermüdet  war.
Am  anderen  Tage  um  zehn  Uhr  morgens  kann  er  angefahren ­
  und  nahm  uns  mit  sich  nach  Hause.  Er  wohnte
damals  in  einer  schönen  Straße,  die  ganz  aus  einer
Reihe  von  Villen  bestand,  der  Bellevuestraße.  Seine
-Wohnung  war  eine  Mischung  des  verfeinertsten  Komforts ­
  und  Dilettantismus  mit  strengem  Gelehrtentum;
die  Verkörperung  deö  letzteren  war  sein  Kabinett.  Ein
nicht  großes  Zimmer  mit  einem  großen  Arbeitstisch,
bedeckt  von  verschiedenen  Papieren  und  Schreibutensilien,
alles  einfach,  ernst  und  geschmackvoll.  Am  Tisch  ein  bequemer ­
  Arbeitsstuhl.  Alle  Wände  des  Zimmers  bis  zur
Decke  waren  mit  Regalen  bedeckt,  die  mit  Büchern,
teuren  Folianten,  altertümlichen  Papyrus,  Atlanten  und
dergleichen  vollgepfropft  waren.  Hier  hing  auch  ein  nicht
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.