Full text : Ferdinand Lassalle

38

Selbst  seinem  besten  Freunde  gegenüber  besitzt  der
Mensch  kleine  Eitelkeiten.  Ich  schämte  mich,  meinem
Freunde  W.  zu  gestehen:  ich  fühle  das  Bedürfnis,  mich
anständig  zu  kleiden,  so  gut  wie  er,  und  nur  die  Grille
meines  Vaters  sei  es,  die  mich  zwinge,  wie  einen  Gott
auch  nur  einen  und  noch  dazu  sehr  schlechten  Rock  zu
haben.
Ich  machte  es  also  wie  der  Fuchs  mit  den
Trauben.  Ich  tat,  als  läge  mir  an  Kleidung  nicht  das
geringste,  und  erheuchelte  mir  auf  diese  Weise  einen
Zynismus,  der  meiner  Seele  nur  allzu  fremd  ist.  Ich
bin  kein  Geck,  kein  Modenarr,  werde  mich  aber  dereinst
stets  auf  das  sorgfältigste  kleiden.  Kleider  machen
Leute,  ist  einmal  die  Meinung  des  neunzehnten  Jahrhunderts. ­
  Und  es  ist  töricht,  wenn  ein  Mensch,  der
von  den  Menschen  abhängt  und  von  ihnen  leben  will,
die  Urteile  und  sogar  die  Vorurteile  der  Welt  verhöhnt.
Verachten  mag  er  sie,  bespötteln  im  Innersten  seines
Herzens,  aber  ihnen  offen  Trotz  bieten  —  nein,  bei
Gott  nicht!  Dann  ist  er  ein  Tor.
Es  gewährt  gewiß  jedem  einiges  Vergnügen,  wenn
er  sich  fein  gekleidet  im  Spiegel  betrachtet.  Wer  sich
aber  um  deswegen  elegant  kleidet/um  sich  im  Spiegel
zu  gefallen,  ist  ein  Narr  und  ein^Geck.  Anderen  soll
meine  Kleidung  gefallen.  Ich  kleide  mich  schön  um
anderer  willen.  Und  mein  Vater  hat  unrecht,  wenn  er
mir  darin  wehrt.  Übrigens  ist  meine  Garderobe  so
miserabel,  daß  selbst  Frau  Direktor  mir  mehrmals  gesagt
hat:  „Wirklich,  Lassal,  wenn  Ihnen  nicht  alles  so  nobel
stände,  sähen  Sie  aus  wie  ein  Lump."
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.