258 Zwölftes Buch. Drittes Kapitel.
Muskelpartieen irgend eines Gesichtes wiederzugeben; das be⸗
weisen so treffliche Leistungen, wie die Grabdenkmäler etwa des
Grafen Berthold von Zähringen (7j, 1218) im Münster zu
Freiburg oder des Herzogs Heinrich IV. von Schlesien (7 1290)
in der Breslauer Kreuzkirche. Und im 14. Jahrhundert war
die Geschicklichkeit, Köpfe mit wenigen Strichen äußerlich
individualisiert wiederzugeben, schon hoch entwickelt. Das
Bildnis dagegen innerlich zu beleben, ihm einen bestimmten
persönlich-geistigen Ausdruck zu verleihen, gelang noch mit
nichten; erst gegen Schluß des 14. Jahrhunderts entwickelten
sich die ersten Anfänge dieser Kunst in Flandern, überhaupt in
Burgund, unter der doppelten Gunst des Mäcenats halb—
moderner Fürsten und eines überreichen, selbstbewußten Bürger—
tums. Im allgemeinen dagegen bleiben die Bildnisse wie die
geschichtlichen Charakteristiken und Selbstbiographieen in der
Wiedergabe des Berufsmäßigen, des Familienhaften, des nicht
eigenartig Persönlichen stecken. Schon in der Vorliebe für
Bildnisreihen auf Grund von Familien- und Amtszusammen⸗
hängen zeigt sich das, von den ehemaligen Bildnissen der Hoch—
meister in der Kapelle der Marienburg an bis zu dem Büsten—
cyklus im oberen Chorumgang des Prager Doms aus der Zeit
Karls IV. und bis zu der Bildnisreihe österreichischer Herzöge,
welche eine Wiener Handschrift aus der zweiten Hälfte des
14. Jahrhunderts aufweist.
Soweit aber tiefer charakterisiert ward, geschah das noch
nicht direkt, sondern indirekt in der Wiedergabe der Hand—
lungen, des Thuns, des bewegten Menschen. Auf diese Art
hatte schon der alte Heldensang ins Große, ja Ungeheuerliche und
Mythische hinein zu charakterisieren vermocht!; jetzt ward die
Methode ins Intime, Zuständliche gezogen. Anekdote und Witz⸗
wort wurden damit die beliebtesten Formen persönlicher Vergegen⸗
wärtigung. Schon das 9. Jahrhundert hat derart in den Er—
zählungen, die der Sankt Gallener Mönch uns aufbewahrt hat,
die überwältigende Erscheinung Karls des Großen festgehalten;
Vgl. Band 18 S. 344 ff. (I1. 2. S. 340 ff.).