Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

II. Teil. 
Der Solidarismus. 
1. Kapitel. 
Zur Geschichte des Solidaritätsbegriffes. 
Es gibt kein Schlagwort, das zurzeit in Frankreich in der 
soziologischen und nationalökonomischen Literatur, in der 
Tagespresse, in Vorträgen und politischen Reden, in Wahlauf 
rufen und Flugblättern häufiger gebraucht würde und einen 
bessern Klang hätte als das Wort Solidarität. Dessen begriff 
licher Inhalt ist jedoch weder im wissenschaftlichen, noch im 
allgemeinen Sprachgebrauch vollständig geklärt. 
Es handelt sich dabei zunächst um eine ganz alte Sache, 
die in der Gegenwart machtvoll ins Bewußtsein speziell des 
französischen Volkes getreten ist. Als ethische Anschauung, 
welche die kollektive Verantwortung der Mitglieder eines Ganzen 
besagt, liegt die Idee der Solidarität des gesamten Menschen 
geschlechtes der alttestamentlichen Lehre von der Erbsünde zu 
grunde. Desgleichen kannten viele ältere Strafrechte die Soli- 
darhaft z. B. einer Sippe für die Verbrechen ihrer Mitglieder, 
oder einer Gemeinde für Steuern, die von einzelnen Bürgern 
nicht entrichtet wurden. Auch ins Privatrecht ist der Begriff 
frühzeitig eingedrungen. Das römische Recht z. B. verwertet 
ihn bei der Aufstellung der Rechtskategorie der Solidarobligation 
als Verpflichtung eines jeden von mehreren an einem Schuld 
verhältnis Reteiligten, die ganze Leistung zu bewirken 1 ). Die 
i) Die französischen Juristen des ancien régime hatten die obligatio in 
solidum des römischen Rechtes mit „solidité“ übersetzt. Der Code Civil gebraucht 
jedoch dafür den Ausdruck „solidarité“. Vgl. Ch. Gide und Ch. Rist, Histoire 
des doctrines économiques, Paris 1909, p. 671.
	        
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