4. Die Reklame.
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Offenbar, wie jede mit einem gewissen Raffinement ausgestattete Reklame, auf
die überwiegende Mehrheit der Beschauer oder Leser. Und diese überwiegende Mehr
heit besteht aus solchen, die Goethe in Eckermann in den bedeutsamen Worten
charakterisiert: „Alles Große und Gescheite existiert nur in der Minorität .... Es
ist nie daran zu denken, daß die Vernunft populär werde. Leidenschaften und Ge
fühle mögen populär werden; aber die Vernunft wird immer nur im Besitze ein
zelner Vorzüglicher sein."
Es sind die nicht scharf und klar Denkenden; es sind Menschen, die sich noch
einer gewissen Naivetät erfreuen, Menschen, denen das im prunkenden Gewände
Auftretende schon um deswillen imponiert.
Auf vernünftige Leute macht es keinen besonderen Eindruck, wenn sie das, was
sie erwerben wollen, besonders auffallend, aufdringlich angeboten finden. Sie er
kundigen sich bei Leuten, die es wissen können, nach den Stellen, wo das Verlangte
am besten angeboten und geleistet wird; sie fragen nicht nach den infolge geschickter
Reklame von der Masse am meisten bevorzugten Quellen. Sie aber sind es freilich
auch nicht, die die enormen Kosten der Reklame decken helfen, und sie werden des
halb von den Helden der Reklame sehr gering angesehen. Nicht die ersten Ränge,
sondern die Gallerien sind das Publikum der Reklame und die Garanten ihrer Kosten.
Es bleiben nur noch einige wenige Punkte zur Besprechung aus dem
Kapitel des Anzeigenwesens übrig. Zunächst mag darauf aufmerksam gemacht
werden, daß es sehr wertvolle Gegen st ände gibt, die, um über
haupt sich Bahn im Handel und Verkehr zu verschaffen, der
Anzeige gar nicht entbehren können.
Zu diesen Gegenständen gehören insbesondere Bücher, namentlich solche von
noch unbekannten Verfassern. Zwar in Deutschland sorgt das Buchhändler-Börsen
blatt für gute Verzeichnisse aller neuen Erscheinungen des Buchmarktes; aber dieses
Blatt kommt nicht in die Hände des großen Publikums. Zwar pflegen die Ver
leger von Büchern ihre neuen Verlagsartikel an Rezensenten hinauszugeben; aber
auch die Besprechungen in wissenschaftlichen oder belletristischen Zeitschriften entgehen
doch vielfach dem großen Publikum.
Da muß die Zeitungsanzeige eintreten, die hier eine ganz besonders geschickte
Redaktion verlangt.
Zweitens sei darauf hingewiesen, daß die Reklame selb st neuerdings
wiederholt zum Gegen st and der wenn nicht wissenschaft
lichen, so doch „periodischen" schrift st ellerischen Behandlung
gemacht worden ist. Es erscheinen meines Wissens mehrere Zeitschriften, die
es darauf absehen, ihre Leser in den Methoden der wirksamen Reklame zu unter
weisen.
*) Drittens kann, wo von Reklame die Rede ist, nicht verschwiegen werden, daß
in Deutschland ein Reichsgesetz, das Gesetz zur Bekämpfung des un
lauteren Wettbewerbes vom 27. Mai 1896, den Ausschreitungen der
Reklame wenigstens in so fern Einhalt zu tun versucht, als es die auf Täuschung des
Publikums und auf die Verkleinerung der Mitwerber durch Ausstreuung wissentlich
unrichtiger Tatsachen gerichtete Reklame mit Strafe bedroht. Gerade die auf die
Reklame bezüglichen Bestimmungen des Gesetzes scheinen mir aber den Zweck zu
verfehlen. Denn erstens kann man die eigenen Artikel und Leistungen in einer ihre
Güte weit übertreibenden Form anpreisen, ohne daß man der Unwahrheit geziehen
werden kann. Und dann kann man den vielleicht bescheideneren Mitwerber aus
*) Vgl. zu diesem Absätze jetzt Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb vom 7. Juni
1909 8 4. — G. M.
Mo Hat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl.
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