4. Das Paradies der Arbeiter.
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bin ich sicher, geschehen lassen mit äußerstem Widerstreben, in dem wehmütigen Ge
danken, es könne nicht anders sein; und sie haben den Ruhm für sich, daß sie unter
den ersten gewesen sind, die in Deutschland die Verhältnisse gebessert haben, als be
kannt geworden war, daß in England mit einer viel kürzeren Arbeitszeit dasselbe wie
mit der längeren Arbeitszeit geleistet würde.
Sie haben alsbald sich ebenfalls neue Maschinen angeschafft, haben eine viel
größere Zahl von Spindeln demselben Mann zur Bedienung gegeben und haben
erreicht, daß wenige Jahre nachher die Arbeitszeit ganz bedeutend reduziert werden
konnte. Ich habe noch gesehen, wie mein Vater Ende der fünfziger und in den
sechziger Jahren nicht mehr 16 Stunden, sondern nur noch 12 und zuletzt nur noch 11
Stunden zu arbeiten und dabei eine Mittagsstunde hatte, so daß er nicht mehr aus
dem Henkeltopf, sondern zu Haufe in der Wohnung aus Schüssel und Teller sein
Mittagsmahl einnehmen konnte. Ich sage also: den Widerschein des Lichtes in Eng
land habe ich in Deutschland mit meinen eigenen Augen gesehen.
Dank der Fernwirkung, welche die englische Gesetzgebung auf den Kontinent
gehabt hat, ist Deutschland verschont geblieben von den Folgen des ungezügelten
Industrialismus. Die körperliche Verunstaltung durch das unmenschlich lange Stehen
müssen, das sog. „Fabrikbein", ist in Deutschland fast gar nicht in die Erscheinung
getreten, weil just noch rechtzeitig dieser Mißbrauch der Menschen inhibiert wurde
durch das Beispiel Englands.
4. Das Paradies der Arbeiter.
Von Alfred Manes.
Manes, Ins Land der sozialen Wunder. Eine Studienfahrt durch Japan und die
Südsee nach Australien und Neuseeland. 2. Ausl. Berlin, E. S. Mittler & Sohn, 1911. S. 248 ff.
Neben dem Parlamentsgebäude in Melbourne, das vorläufig die Unterkunfts
stätte des australischen Bundesparlaments bildet, befindet sich ein unansehnliches
kleines Denkmal, eine Pyramide, deren Inschrift mich an die bekannte Satire eines
dänischen Autors mit dem eigentümlichen Titel: 2x2 — 5 erinnerte. Auf dieser
Pyramide liest man, wenn man mit dem satirischen Geist des dänischen Autors auch
nur eine ganz entfernte Verwandtschaft hat, 4 X 8 — 24. Das Denkmal enthält
nämlich die Forderung der australasifchen Arbeiter: 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden
Schlaf, 8 Stunden Erholung und 8 Schilling Lohn pro Tag. Und damit ist das
Programm der Arbeiterpolitik Australiens ziemlich umfassend ange
deutet.
Um von dem allgemeinenArbeiterschutz, wie er in den verschiedenen
Kolonien Australasiens in verschiedener Ausdehnung zu finden ist, ein Bild zu be
kommen, genügt es, N e u f e e l a n d ins Auge zu fasten; denn fast ausnahmslos war
Neuseeland die erste Kolonie, welche am besten und umfassendsten die Schutz
gesetzgebung zugunsten der Arbeiter durchgeführt hat.
Vor allen Dingen ist es bemerkenswert, daß die Fabrikinspektion den
denkbar weitesten Umfang hat, indem nämlich als Fabrik und Werkstatt u. a. bezeich
net wird: „Jedes Kontor, Gebäude oder irgendwelcher Platz, innerhalb dessen zwei
oder mehr Personen mittelbar oder unmittelbar beschäftigt sind." So gibt es
eigentlich überhaupt keinen Ort, an welchem gearbeitet wird, der nicht von den In
spektoren kontrolliert werden könnte, überall und zu jeder Zeit haben die unter
einem Generalinspektor stehenden 150 Lokalinspektoren Zutritt zu den Arbeitsstätten
und können so die Einhaltung der Arbeitsstunden und Ruhezeiten sowie die Hygiene
der Werkstätten prüfen. Die weite Ausdehnung des Fabrikgesetzes hat das sog.
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