Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

444  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  I.  Weltwirtschaft.

Vermögen  dem  Gemeinwohl  zu  dienen.  In  dieser  Zukunft  wird  man  sich  allgemein
daran  erinnern,  daß  dem  wirtschaftlichen  Aufschwünge  Deutschlands  die  Arbeit  der
Kant-Goethe-Schillerschen  Periode  vorausgehen  und  daß  ihm  die  politische  Einigung
folgen  mußte,  man  wird  nicht  vergessen,  daß  hinter  jedem  einzelnen  die  ganze  Nation
steht  mit  allen  ihren  Kräften  als  Halt  und  als  Schutz,  und  daß  der  einzelne  dieser
Nation  zurückzugeben  hat,  wie  er  von  ihr  empfangen  hat.
Je  älter  die  wirtschaftliche  Kultur  einer  Gegend  ist,  umsomehr  ist  auch  obige
Einsicht  entwickelt.  Als  ein  Beispiel  für  solche  gesunde  Verhältnisse  darf  ich  wohl
hier  auf  Bremen  hinweisen,  auf  die  alte  freie  Hansastadt  mit  ihrem  ehrwürdigen
Kaufmannsstande  und  mit  ihrem  großen  Kreise  wissenschaftlich  und  künstlerisch  bedeutender ­
  Menschen  und  ihrem  regen  Gemeinsinn,  für  den  schon  allein  das  System  der
Steuerauflage  beweisend  ist.  Und  daß  es  oft  nur  eines  Mannes  bedarf,  um  schlummernde ­
  Kräfte  zu  richten  und  zu  wecken,  das  mag  uns  für  Hamburg  der  eine  Name
Lichtwark  bezeugen.
Anmerkung.  Für  den  Idealismus,  den  lernitfe  hier  feiert,  bricht  auch  M  o  l  l  a  t
eine  Lanze  in  der  folgenden  Ansprache  über:
Die  Bedeutung  der  Königin  Luise  für  unsere  Zeit*).
Meine  Damen  und  Herren!  ^Werdie  königliche  Frau,  bte  wir  als  die  Verkörperung
edelster  deutscher  Weiblichkeit  lieben  und  verehren  wie  kaum  eine  andere  Fürstin,  bei  der
heutigen  Erinnerungsfeier  in  einer  kurzen  Ansprache  zu  würdigen  hat,  der  findet  sich  vor
eine  schwierige  Aufgabe  gestellt.  Denn  einmal  kann  man  in  15  oder  20  Minuten  schlechterdings ­
  kein  einigermaßen  erschöpfendes  Bild  ihres  zwar  kurzen,  aber  bewegten  und  reichgesegneten ­
  Lebens  geben,  geschweige  denn  außerdem  noch  die  geistigen  und  sittlichen  Strömungen,
die  gesellschaftlichen  und  politischen  Zustände  in  unserem  Vaterlande  am  Ausgange  des  18.
und  am  Anfange  des  19.  Jahrhunderts  schildern,  ohne  deren  Kenntnis  ihre  charaktervolle
Persönlichkeit,  ihre  innere  Entwickelung,  ihre  überragende  Stellung  unter  den  Zeitgenossen
und  ihr  Lebenswerk  nun  einmal  nicht  verstanden  werden  können.  Dann  aber  ist,  wie  begreiflich, ­
  gerade  in  den  letzten  Tagen  und  Wochen  in  Zeitungen  und  Zeitschriften,  in  besonderen ­
  Abhandlungen  und  Büchern  über  die  Mutter  des  ersten  Deutschen  Kaisers  aus  dem
Hause  der  Hohenzollern  so  viel  geschrieben  worden,  daß  man  sich  allen  Ernstes  fragen  muß,
ob  man  dem  Gegenstände  noch  neue  Seiten  abzugewinnen  und  seinen  Zuhörern  etwas
Selbständiges  zu  bieten  vermag.
Vielleicht  wird  man  unter  diesen  Umständen  seiner  Aufgabe  noch  dadurch  am  ehesten
gerecht,  daß  man  die  Königin  Luise  selbst  zu  Worte  kommen  läßt  und  im  Anschlüsse  an
einige  ihrer  eigenen  Aussprüche  ihre  Bedeutung  für  unsere  Zeit,  für  das  deutschnationale
Leben  der  Gegenwart,  zu  beleuchten  versucht.
Lassen  Sie  uns  also  diesen  Weg  einschlagen:  er  wird  uns  wohl  noch  am  sichersten  zum
Ziele  führen.
„Das  Bedürfnis,  in  Idealen  zu  leben,  war  mir  von  jeher  eigen  und  gehört ­
  zu  meiner  Natur",  so  schreibt  die  treue  Tochter  im  Sommer  1808  aus  dem  äußersten
Osten  der  Monarchie,  aus  Königsberg  an  den  geliebten  Vater,  den  Prinzen  Karl  von
Mecklenburg-Strelitz.
Sind  das  etwa  nur  leicht  hingeworfene  Worte,  wie  sie  einem  jeden  einmal  in  die
Feder  fliehen,  Kinder  einer  flüchtigen  Stimmung,  die  so  schnell  vergehen,  wie  sie  kommen,
und  die  deshalb  auch  keine  bleibende  Spur  hinterlassen?  Oder  sind  sie  nicht  vielmehr  der
Ausdruck  einer  in  harten  inneren  Kämpfen  gewonnenen  Weltanschauung,  das  Spiegelbild
einer  Seele,  die  das  menschliche  Leben  in  all  seinen  Höhen  und  Tiefen  kennen  gelernt  hat,
und  die  durch  ihre  eigensten  Erfahrungen,  ihr  Lieben  und  Leiden  in  dem  Glauben  an  die
Macht  der  Ideen  nur  noch  mehr  bestärkt  und  befestigt  worden  ist?
Ich  denke,  die  Antwort  kann  uns  nicht  schwer  fallen.

*)  Ansprache  bei  der  Königin  Luise-Erinnerungsfeier  am  19.  Juli  1910  in  Siegen.
Siegen,  im  Juli  1910,  Druck  von  C.  Buchholz.
            
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