9. Die sibirische Eisenbahn.
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die Frage, wann und inwieweit die Beförderung von Postsendungen vom Westen nach
den Häsen des Stillen Ozeans bis nach Japan und China erfolgen würde. Es war
zunächst nur aus Rußland gestattet, den neuen Verkehrsweg für Briefe zu benutzen,
wahrend die anderen europäischen Länder für ihre Korrespondenz nach dem „fernen
Osten" auf den Seeweg angewiesen blieben. Es erwies sich aber bald, daß man
außerstande war, eine solche Bestimmung aufrecht zu erhalten, und daß es Mittel und
Wege gab, sie ohne Mühe zu umgehen. Die großen Geschäftshäuser in Berlin und
Wien, in Paris und London hatten das nach Einführung der durchgehenden Züge
auch mit bestem Erfolge sofort getan. Sie schickten ihre Briefe unter einem Deckkuvert
fertig adressiert und frankiert an ihre Geschäftsfreunde nach Petersburg und Moskau,
die sie dort einfach zur Weiterbeförderung nach dem Osten in den nächsten Postkasten
warfen.
Die offiziellen Verträge zwischen den westeuropäischen Staaten und Rußland
brauchten jedoch noch einige Zeit bis zu ihrem vollständigen Abschluß. Man hielt die
Bahnverbindung durch Sibirien anfänglich noch nicht für gesichert genug, um ihr eine
so gewaltige Korrespondenz anzuvertrauen. Außerdem hatte man wohl auch einiges
Mißtrauen in die Wahrung des Briefgeheimnisses durch die russischen Beamten gesetzt,
wie sie bei uns beobachtet wird. Aber die Verständigung über diesen Punkt erfolgte
in überraschend schneller Zeit, und schon Mitte September 1903 wurde eine amtliche
Bekanntmachung erlassen, daß vom 1. Oktober an die sibirische Post die Beförderung
von Briefen aus Europa für alle Länder im Osten übernehme. An diesem Tage
gingen die entsprechenden Postsäcke sorgfältig versiegelt über die westliche Grenze von
Rußland und erreichten genau, wie es vorgesehen war, nach drei Wochen rechtzeitig
ihr Ziel in Peking, Schanghai und Nagasaki. Hierbei ist jedoch ein Umstand zu be
achten, der oft übersehen wird. Während in Deutschland, Frankreich und England
auch die Luxuszüge Briefschaften befördern, geschieht dies in Rußland und Sibirien
nur durch die eigentlichen Postzüge. Die Wagen der sibirischen Luxuszüge führen
allerdings auch einen Briefkasten mit sich, aber sein Inhalt wird an der nächsten
größeren Station entleert und dem eigentlichen Postzug übergeben, der natürlich nicht
mit derselben Geschwindigkeit fährt. Immerhin ist die Ersparnis an Zeit, die dadurch
für die Korrespondenz der ganzen Welt hervorgerufen wird, eine bedeutende, da sich
der Weg fast um die Hälfte verkürzt. Man kann darauf rechnen, daß ein Brief von
Berlin nach China und Japan fortan nicht länger als 21—22 Tage Zeit zu seiner
Beförderung beansprucht [f. oben S. 507*)].
Ebenso haben unsere Globetrotter nach Eröffnung der sibirischen Bahn für eine
Reise um die Erde einen ganz andern Rekord vor Augen, als er ihnen noch vor
kurzem erreichbar war. Wie wurde der brave Phileas Fogg vor dreißig Jahren im
Berliner Viktoriatheater angestaunt, als er es infolge einer Wette in dem bekannten
Ausstattungsstück von Jules Verne unternahm, den Kreislauf um unseren Erdball in
achtzig Tagen zu vollenden! Wir sind ihm und seinem treuen Diener Passepartout
durch die verschiedensten Länder und Völker gefolgt und haben seine Aufregung mit
empfunden, als er bei der Heimkehr nach London sich um einen Tag verspätet zu haben
glaubte, ohne im ersten Augenblick daran zu denken, daß er gerade diesen letzten, ent
scheidenden Tag infolge seiner Fahrt nach dem Osten und der Umdrehung der Erde
für seine Wette gewonnen hatte. Gegenwärtig streiten sich die Weltreisenden darum,
ob man dem Vorbild Phileas Foggs nicht schon in fünfzig oder sogar weniger Tagen
folgen könne. Natürlich lebt vor allem in den Amerikanern der Ehrgeiz, dies
Experiment durchzuführen, und soweit es sich bis jetzt übersehen läßt, haben ihre Unter
nehmungen den entsprechenden Erfolg gehabt. Es handelt sich nur darum, daß man in
Japan den entsprechenden Anschluß an einen Schnelldampfer findet, der den Stillen
Ozean kreuzt. Den ganzen Erdball in sieben Wochen zu umschlingen, ist allerdings
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. Zg