9. Die sibirische Eisenbahn.
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Es war also gerade das Zwischenstück zwischen Mont Cenis und Brenner das weitaus
größte bahnlose Gebiet der ganzen langgestreckten Alpenkette, was für Italien um
so verhängnisvoller ward, als dieses bahnlose Stück sich seiner ganzen Ausdehnung
nach an Oberitalien anlehnt. Es ist daher auch nicht zu verwundern, wenn trotz Mont
Cenis und trotz Brennerbahn die nördlich der Alpen gelegenen Länder zum großen
Teil Italien nach wie vor wirtschaftlich durchaus fremd blieben.
In dritter Linie ist die Gotthardbahn auch von nicht unerheblichem lokalen
Interesse. Sie durchzieht die Schweizer Kantone Schwyz, Uri und Tessin. Sie
ist das einzige moderne Verkehrsmittel dieser drei Kantone und hat daher einen
nicht unerheblichen Lokalverkehr.
Wir haben demnach bei der Gotthardbahn alle Stufen und Variationen des
verkehrswirtschaftlichen Getriebes vertreten; sie dient dem Verkehr von Dorf zu Dorf,
von Land zu Land, von Weltteil zu Weltteil; sie spannt ihre weitfassenden Flügel
gleichsam über die gesamte menschliche Wirtschaft. Weil aber dies der Fall ist, müssen
wir die Gesamtausgabe der Gotthardbahn auch von einem allgemeineren und
ungleich höheren Gesichtspunkte aus zu beurteilen wissen, als wie es die Mehrzahl
der übrigen heutigen Verkehrslinien erfordern mag. Weil in neue, für Zentraleuropa
bis dahin zu einem guten Teil verborgene Gebiete führend, hat die Gotthardbahn
dem unablässig schaffenden Prinzipe der internationalen Arbeitsteilung neue Pfade
gewiesen und derselben neue Tore geöffnet und damit auch der gesamten menschlichen
Kultur die Wege zu höheren Bahnen und zu höheren Zielen geebnet.
9° Die sibirische Eisenbahn.
Von Eugen Zabel.
Zabel, Auf der sibirischen Bahn nach China. 2. Aufl. Berlin, Allgemeiner Verein
für Deutsche Literatur, 1904. S. 264—265 und S. 273—278.
Der Bau der sibirischen Bahn bedeutet nicht nur eine Errungenschaft für den
Weltverkehr von außerordentlicher Tragweite, sondern auch den Beginn einer neuen
Epoche für die Erforschung des gesamten Ländergebiets im nördlichen Asien, das zu
Rußland gehört und fast anderthalb mal größer als Europa, fünfundzwanzigmal
größer als Deutschland ist. Von der Zeit an, als die ersten Kosakenscharen vom
Westen über den Ural drangen, ist Sibirien von Kaufleuten und Unternehmern aller
Art, von Offizieren, Beamten und Ingenieuren, von Reisenden, die durch die Idee
des Neuen und Abenteuerlichen angezogen wurden, sowie von gelehrten Männern,
welche die Ergebnisse ihrer Studien der Welt mitteilen wollten, nach den verschiedensten
Richtungen durchzogen worden. Aber erst zu Anfang der neunziger Jahre, als mail
mit der Schienenlegung bei der Usfuribahn im äußersten Osten begann, entwickelte sich
ein bestimmtes System, nach dem man an die Untersuchung des Bodens für die
Zwecke der Landwirtschaft und des Bergbaues, die Erforschung des Klimas unter
den verschiedenen Breitegraden und der mächtigen Stromgebiete ging, deren genaue
Kenntnis damals noch manches zu wünschen ließ. Erst durch die Anlage der neuen
Verkehrsstraße wurde man gezwungen, genaue Vermessungen vorzunehmen und
in das Innere der Urwälder einzudringen, sowie sich eine zuverlässige Kenntnis des
Landes und seiner Bevölkerung zu verschaffen.
Der Bau der Schienenstraße hat schon in den Ansängen eine mächtige Bewegung
vom Westen nach dem Osten veranlaßt. In den Jahren 1893 und 1894
betrug die Zahl der Auswanderer nach Sibirien je 65 000. Dann folgte im Jahre
1895 eine plötzliche Steigerung auf 120 000, im Jahre 1896 auf über 200 000 Personen.