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Fünfter Teil. Verkehr. III. Eisenbahnen.
Über die Bevölkerung im Innern des europäischen Rußlands schien ein Fieber gekommen
zu sein, das man durch Warnungen mit Erfolg abstellte, denn im nächsten
Jahre 1897 schnürten nur 70 000 ihr Bündel. Diese Stockung, die durch Regierungsmaßregeln
gewaltsam hervorgerufen wurde, hielt jedoch nicht an. Die Flut der
Menschen, die nach Sibirien zogen, schwoll sowohl 1898 wie 1899 und 1900 wieder
auf über 200 000 Menschen fürs Jahr an, blieb aber 1901 hinter 130 000 zurück.
Seit 1882 waren bis dahin im ganzen 1500 000 Menschen über den Ural in fremdes
Land ausgewandert, und es bedurfte keiner geringen Fürsorge, diesen gewaltigen
Strom in die richtigen Bahnen zu lenken und das Land durch die beginnende Kulturarbeit
zweckmäßig befruchten zu lassen. Immer wieder war es die Eisenbahn, die den
Gedanken einer solchen Volksbewegung aus dem Phantastischen ins Wirkliche übertrug
und ihm einen praktisch bedeutsamen Sinn unterlegte.
Die Ausfuhr von Getreide, Erzeugnissen der Viehzucht und Butter wird durch
den Betrieb der sibirischen Bahn naturgemäß wesentlich erleichtert werden. Noch bedeutsamer
erscheint der Goldreichtum, der sich in allen Teilen des Landes findet.
„Dieser ist ganz wesentlich", heißt es bei Wiedenfeld, „der dem Zarenreich es ermöglicht
hat, schon in einem so frühen Stadium seiner Wirtschaftsentwicklung zur Goldwährung,
die sonst nur industriell weit vorgeschrittene Länder aufrecht erhalten
können, überzugehen und in den letzten drei Jahrzehnten fast eben so viel Gold auszuprägen
wie Deutschland, das in dieser Zeit einen unvergleichlichen Aufschwung genommen
hat. Zwar wird auch noch in anderen Teilen des russischen Reichs, in Finland
und am Ural Gold gefunden; aber Sibiriens Produktion steht bei weitem an der
Spitze, reichlich 23 % der Gesamterzeugnisse betragend." Wenn auch gerade die ergiebigsten
Fundstellen und Wäschereien an den Nebenflüssen der Lena und des Amur
Hunderte Kilometer von der Bahn entfernt liegen, so ist diese doch schon wegen der
Verkürzung, Verbilligung und Sicherung der Zufuhr von Maschinen und Lebensmitteln
von wesentlicher Bedeutung. Dasselbe gilt von Eisen und Eisenwaren sowie
von der Ausnutzung der Steinkohlenlager.
Große Hoffnungen fetzt man in Rußland darauf, daß der Tee, von dem der
größte Teil bisher auf dem Seeweg nach Europa ausgeführt wurde, von nun an auf
dem Schienenwege dorthin gelangen müsse. Von Hankau, bis wohin die Seeschiffahrt
auf dem Pantsekiang reicht, gingen früher Karawanen über Kiachta nach Irkutsk, von
wo der Tee auf Schlitten oder auf den sibirischen Flüssen nach Europa geschafft wurde.
Dann übernahm der gewaltige Strom Chinas die Beförderung der Teemassen, und
über Schanghai erfolgte auf dem Schiffswege die weitaus größte Ausfuhr über den
Stillen und Indischen Ozean, sowie durch den Suezkanal nach London, um sich von
hier aus über alle Teile Europas, zum Teil sogar über Königsberg nach Rußland
auszubreiten.
Jetzt sind es nach Wiedenfeld nur noch sehr geringe Mengen des in Europa
begehrten Blättertees, die über Kiachta kommen, und es ist ein Märchen, wenn noch
fast allgemein angenommen wird, der Karawanentee gelange auf dem teuren und
langwierigen Landwege zu uns. Die Bezeichnung hat mit der Beförderungsart jetzt
nichts mehr zu schaffen. Der höhere Preis rechtfertigt sich vielmehr damit, daß es jetzt,
wie auch früher, der Tee der ersten von den drei bis vier Jahresernten ist, der unter
diesem Namen in den Handel gebracht wird und sich an Güte von der Produktion der
späteren Ernte wesentlich unterscheidet. Die sibirische Bahn dürfte es fortan bewirken,
daß für den Teetransport, bei dem die zarten Blätter durch die Länge der Reife an
Geschmack und Duft wesentlich leiden, wieder die alte Landstraße bevorzugt wird.
Die Vollendung der Bahn durch die Mandschurei hat schneller, als man es erwarten
durfte, eine für den gesamten Verkehr wichtige Entscheidung zur Folge gehabt.
Nachdem die Strecke durch Europa und Asien ausgeführt war, entstand ganz von selbst