Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

616 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika. 
die Pullmanwagen betrifft, so zeichnen sich dieselben durch eine vorzügliche und reiche 
Ausstattung aus. Sie bestehen teils aus Schlaf-, teils aus Salon- (Parlor-) und 
Speisewagen. Erstere sind so eingerichtet, daß man tagsüber in ihnen sitzen kann. 
Da Herren und Damen in demselben Raum untergebracht und die Betten nur durch 
Portieren gegen den Mittelgang abgeschlossen sind, so ergibt sich eine große Unbe 
quemlichkeit im Aus- und Ankleiden. Auch ist die Anordnung der Waschräume (je 
einer für Damen und Herren) nicht angenehm. Berücksichtigt man indessen, daß die 
Schlafwagen oft tagelang unterwegs sein müssen, so ist nicht zu verkennen, daß sie 
ihrem Doppelzweck, der Benutzung bei Tag und bei Nacht, gut entsprechen. Für 
unsere Verhältnisse aber erscheinen sie nicht vorbildlich, vielmehr dürfte das Coupe- 
system bei uns entschieden den Vorzug verdienen; nur sollte der verfügbare Raum 
etwas reichlicher bemessen sein. Die Parlorwagen enthalten bequeme Sessel, 
haben große Aussichtsfenster und sind vortrefflich beleuchtet. In einzelnen Wagen 
befinden sich Rauchzimmer, zuweilen auch eine kleine Bibliothek mit einem 
Schreibtisch. Die Speisewagen sind in gleicher Art eingerichtet wie bei uns. 
aber geräumiger und weit schöner ausgestattet. Das Holzwerk in den Pullman 
wagen besteht meist aus Mahagoni und ist oft mit schönen Schnitzereien versehen. 
Das Essen ist gut und nicht zu teuer (Diner zu 1 Dollar). 
Der Zuschlag für die Benutzung der Pullmanwagen (für die Nacht 2—2% 
Dollars) ist nicht hoch zu nennen. Im übrigen sind die Fahrpreise etwa gleich den 
jenigen unserer 1. Klasse, wobei indes die allgemein höhere Lebenshaltung in Amerika 
zu berücksichtigen ist. 
Das Billetfystem fand ich nicht so praktisch wie bei uns. Man bekommt 
oft für längere Strecken Zettel von y 2 m Länge und mehr, deren einzelne Teile nach 
einander abgetrennt werden. Oft find Eintragungen nötig, die die Abfertigung an 
dem Schalter verzögern. Da mit Fahrkarten ein schwunghafter und keineswegs 
lauterer Handel betrieben wird, so ist die Kontrolle sehr intensiv und oft recht lästig. 
Bei Unterbrechung der Fahrt muß man sich schon im Zuge vom Kondukteur einen 
Schein (stop over) geben lassen, muß unter Vorzeigung desselben die Fahrkarte 
dem Schalterbeamten gegen Quittung zur Aufbewahrung übergeben und gleichzeitig 
seine Unterschrift hinterlegen. Holt man die Fahrkarte ab, so muh man seine Unter 
schrift zur Legitimation wiederholen. In dem Wagen selbst erhält man in vielen 
Fällen bei Abgabe der Fahrkarte eine besondere Kontrollkarte. 
Die Gepäckbeförderung ist wiederum sehr bequem eingerichtet. Jeder 
Passagier hat 150 Pfd. (amerikanisch) frei, er erhält gegen Vorzeigung seiner Fahr 
karte einen einfachen mit Nummer versehenen Scheck, den er vor der Ankunft auf der 
Bestimmungsstation noch im Zug einem Beamten der Expreßkompagnie, der den 
Zug begleitet, zur unverzüglichen Beförderung des Gepäcks in ein bestimmtes Hotel 
oder die Wohnung übergeben kann. 
Die Züge fahren im allgemeinen sehr ruhig, ruhiger wie die meisten unserer 
Schnellzüge, was neben der guten Bauart der Wagen der dichten Beschwellung des 
Oberbaues zuzuschreiben sein dürfte. Die Pünktlichkeit der Züge ließ nach 
meinen Erfahrungen nichts zu wünschen übrig. Fahrpläne gibt jede Gesellschaft 
für ihre Strecken aus, sie sind an den Schaltern und in den Hotels unentgeltlich zu 
haben. Der Verkehr auf den Bahnhöfen erfordert größere Aufmerksamkeit des 
Publikums als bei uns sowohl hinsichtlich der persönlichen Sicherheit — es fehlen fast 
überall Unterführungen — als auch hinsichtlich der Wahl des richtigen Zuges und der 
Beobachtung der Abfahrtszeit. Indessen muh ich bekennen, daß mir die Erziehung 
des Publikums zu größerer Selbständigkeit und das geringere Hervortreten der 
Beamtenschaft recht gut gefallen hat. Dagegen muß der Mangel an genügenden 
Sicherheitsmaßregeln gerügt werden. Neuerdings bemüht man sich, in dieser Hinsicht
	        
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