Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2. Die Volkswirtschaft. 
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schaft erforderten, und diese konnte erst auf dem Boden gemeinsamer Wirtschaft er 
wachsen. Jeder Teil des Landes, jede Gruppe der Bevölkerung mußte für den Dienst 
des Ganzen diejenigen Aufgaben übernehmen, welche sie ihrer Kultur und Natur 
anlage nach am besten zu erfüllen imstande waren. Es bedurfte einer durchgreifenden 
Teilung der Funktionen, einer die ganze Bevölkerung umfassenden Berufsgliederung, 
und diese letztere setzte wieder ein reich entwickeltes Verkehrswesen und einen leben 
digen Güteraustausch unter der Bevölkerung voraus. Ging im Altertum alles wirt 
schaftliche Streben auf in dem einen Ziele der autonomen Bedürfnisbefriedigung 
des Hauses, im späteren Mittelalter in der Versorgung der Stadt, so bildet sich jetzt 
ein überaus kompliziertes und kunstvolles System nationaler Bedürfnisbefriedigung. 
Die Durchführung dieses Systems ist vom 16. bis 18. Jahrhundert das Ziel der 
Wirtschaftspolitik aller vorgeschrittenen europäischen Staaten. Die Maßregeln, welche 
zur Erreichung des Zieles angewendet wurden, sind fast in allen Einzelheiten der 
städtischen Wirtschaftspolitik des Mittelalters nachgebildet, nur daß nunmehr der 
„Landesvater" an die Stelle des Stadtrats getreten ist, an Stelle der ökonomischen 
Kirchturmspolitik die Fürsorge für die Gesamtheit der „Landeskinder". Jene Regeln 
werden gewöhnlich unter dem Namen des Merkantilsystems zusammengefaßt. 
Man hat das letztere lange als ein theoretisches Lehrgebäude angesehen, das in dem 
Grundsätze gipfle, daß der Reichtum eines Landes in der Summe des baren Geldes 
bestehe, die sich innerhalb seiner Grenzen befinde. Heute ist diese Auffassung wohl 
allgemein aufgegeben. Der Merkantilismus ist kein totes Dogma, sondern die leben 
dige Praxis aller bedeutenden Staatsmänner von Karl V. bis auf Friedrich den 
Großen. Seine typische Ausprägung hat er in der Wirtschaftspolitik C o l b e r t s 
gefunden. Die Aufhebung oder Ermäßigung der Binnenzölle und Wegegelder, die 
Einführung eines einheitlichen Grenzzollsyftems, die Sicherung der Versorgung des 
Landes mit notwendigen Rohstoffen und Nahrungsmitteln durch Ausfuhrerschwe 
rungen und durch Einführung des Forstregals, die Beförderung der großen Industrie 
durch Anpflanzung neuer Gewerbezweige, durch Staatsunterstützung und technische 
Reglementierung derselben, durch zollpolizeiliche Fernhaltung fremder Konkurrenz, 
die Anlegung von Kunststraßen, Kanälen, Seehäfen, die Bestrebungen zur Verein 
heitlichung des Maß- und Gewichtswesens, die Regelung des Handelsrechtes und des 
kommerziellen Nachrichtendienstes, die Pflege der Technik, der Kunst und Wissenschaft 
in eigenen Staatsanstalten, die Ordnung des Staats- und Kommunalhaushaltes, die 
Beseitigung der Ungleichheiten in der Steuerbelastung, — alles dies diente dem einen 
Zwecke, eine nach außen abgeschlossene Staatswirtschaft zu schaffen, 
welche die Bedürfnisse der Staatsangehörigen durch die nationale Arbeit zu befrie 
digen imstande fei und durch einen lebhaften Verkehr im Innern alle natürlichen 
Hilfsmittel des Landes und alle individuellen Kräfte des Volkes in den Dienst des 
Ganzen stelle. Man hat über der dem „Colberüsmus" eigenen Begünstigung des 
auswärtigen Handels, der Marine, des Kolonialwesens nur zu oft übersehen, daß 
diese Maßnahmen auch die inneren Hilfskräfte des Landes verstärkten, und daß die 
Handelsbilanztheorie in einer Zeit zur Notwendigkeit wurde, wo der Übergang von 
der noch immer vorwiegenden Eigenproduktion zur allgemeinen Tauschwirtschaft die 
Vermehrung der baren Umlaufsmittel zur unerläßlichen Voraussetzung hatte. 
Freilich darf man neben den vom Staate ergriffenen Maßregeln auch die sozi 
alen Kräfte nicht außer acht lassen, welche in gleicher Richtung wirkten. Dieselben 
nahmen naturgemäß ihren Ausgangspunkt von den Städten. Hier hatte sich durch 
langsame Umbildung aus dem Rentenkauf das verzinsliche Darlehen entwickelt, und 
damit war im Laufe des 16. Jahrhunderts ein eigentliches Kreditwesen entstanden. 
Wir dürfen darin den Einfluß des Großhandels erblicken, der zuerst das Geheimnis 
entdeckt hatte, mit Geld Geld zu erwerben. Das Vermögen der reichen Städter erlangte
	        
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