Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

einen  der  Wissenschaft  schädlichen  Gebrauch  von  der  historischen ­
  Methode,  wenn  man  aus  den  Änderungen,  welche  in
wirtschaftlichen  Dingen  geschehen,  dogmatisch  schlußfolgert:
erstens  deduktiv,  daß  die  Beweglichkeit  das  Wesen  der  wirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  ausmacht  und  daß  es  folglich  außer
dem  Gesetze  der  Evolution  keine  wirtschaftlichen  Gesetze  gibt;
zweitens  induktiv,  daß  die  Grundlagen  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung ­
  in  der  Zukunft  einstürzen  werden x ).
Ist  die  Wirtschaftsgeschichte  nun  allerdings  auch  für  Levasseur ­
  in  erster  Linie  Selbstzweck,  so  pocht  er  doch  auf  die
Pflicht  des  Historikers,  aus  seinen  geschichtlichen  Erkenntnissen
eine  Doktrin  fürs  praktische  Leben  zu  folgern 2 ).  Das  Bedürfnis,

1)  Levasseur  Art.  Trente-Deux  Ans  ¿'Enseignement  au  Collège  de  France,
in:  Revue  internationale  de  l’enseignement,  XL,  p.  22—23.
2 )  „Die  wirtschaftlichen  Tatsachen  bieten,  unabhängig  von  den  Folgerungen ­
  ,  welche  man  aus  ihnen  gewinnen  kann,  ein  eigenes  Interesse.  Man
muß  sie  kennen,  um  eine  Situation  zu  verstehen  und  um  in  der  Lage  zu  sein,
eine  Frage  zu  besprechen.  Die  Aufgabe  eines  Autors  besteht  darin,  zunächst
diese  Tatsachen  mit  so  viel  Präzision  und  so  zahlreich  als  möglich  zu  sammeln  ;
alsdann  aus  der  Masse  mit  kritischem  und  nüchternem  Sinn  diejenigen  auszuwählen, ­
  welche  am  geeignetsten  sind,  jene  Situation  zu  kennzeichnen;  endlich
dieselben  methodisch  zu  gruppieren  und  darzustellen.  .  .  .  Diese  Tatsachen  haben
Ursachen  und  Folgen.  Dem  Autor  liegt  es  ob,  die  Tatsachen  in  einer  Darstellung ­
  und  Verkettung  vorzuführen,  die  so  geartet  sind,  daß  Ursachen  und
Folgen  sich  von  selbst  ergeben  oder  sich  wenigstens  mutmaßen  lassen.  In  der
Wirtschaftsgeschichte,  so  wie  ich  sie  verstehe,  ist  der  Autor  nicht  bloß  ein  Erzähler; ­
  er  ist  auch  ein  Philosoph,  der  aus  der  Erfahrung  Belehrung  zieht
und  bestrebt  ist,  zugleich  die  Praxis  der  Geschäfte  durch  Beispiele  und  die
volkswirtschaftliche  Theorie  durch  die  Erforschung  der  Gesetze,  welche  die  Tatsachen ­
  regieren,  zu  beleuchten.“  L’Ouvrier  Américain,  Bd.  I,  p.  IX.
Die  Wirtschaftsgeschichte  ist  nicht  notwendig,  um  gewisse,  einfache  Erkenntnisse ­
  zu  vermitteln,  z.  B.  daß  die  Produktion  das  Resultat  des  Zusammenwirkens ­
  dreier  Faktoren  ist.  „Dagegen  ist  die  Geschichte  und  die  minutiöse
Analyse  einer  großen  Anzahl  von  Tatsachen  notwendig,  um  z.  B.  die  Verschiedenheit ­
  der  Rollen  eines  jeden  der  drei  Faktoren  in  den  vergangenen  und
zeitgenössischen  Kombinationen  der  menschlichen  Wirtschaftstätigkeit  genau  zu
bestimmen.“  ibid.  p.  XV.
„Als  Xationalökonom  bekenne  ich,  daß  die  Volkswirtschaftslehre  eine
Wissenschaft  ist,  die  auf  Beobachtung  beruht,  und  ich  weiß,  daß  die  erste
Pflicht  eines  Volkswirtes  darin  besteht,  die  Tatsachen  gewissenhaft  zu  studieren
und  darzustellen;  aber  ich  erkläre  auch,  daß  es  seine  Pflicht  ist,  aus  dem  Studium ­
  der  Tatsachen  eine  Doktrin  zu  ziehen,  sonst  ist  er  nur  ein  Sammler.“
Histoire  des  classes  ouvrières  et  de  l’industrie  en  France  avant  1789,  Bd.  I.  p.  XIV.
            
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