Die Gruppe der Historiker
145
anregenden und überraschenden Gegenüberstellungen manchen
Einblick in pikante Verhältnisse für den Leser recht lehrreich
zu gestalten. Insbesondere richtet d’Avenel sein Augenmerk
darauf, die technische und wirtschaftliche Konzentration der
letzten drei bis vier Dezennien deutlich zu veranschaulichen.
Ob sein Material immer wissenschaftlich einwandfrei zustande
kam, mag dahingestellt bleiben.
André Liesse, Professor der Nationalökonomie am Conser
vatoire des Arts et Métiers, hat als volkswirtschaftlicher Redak
teur des Journal des Débats den exponiertesten Posten der
liberalen Schule inne. Dort kämpft er Tag für Tag gegen
Sozialismus, Protektionismus und jeglichen Interventionismus.
Seine grundsätzlichen Anschauungen sind streng orthodox;
darum wurde er denn auch für würdig befunden, die meisten
Artikel des Nouveau Dictionnaire d’Economie politique, welche
grundlegende Fragen der Nationalökonomie behandeln, zu ver
fassen 1 ). Methodologisch schließt sich Liesse jedoch Auguste
Comte und Stuart Mül an.
Als Comtist faßt er die Nationalökonomie auf als einen
Teil der Sozial Wissenschaft oder Soziologie. „Diese hat zum
Gegenstand das Studium der Naturgesetze, welche die Entwick
lung der menschlichen Gesellschaften regieren und folglich das
Studium der gesamten menschlichen Tätigkeit 2 ). Die Soziologie
ist allerdings noch nicht definitiv konstituiert, aber die National
ökonomie kann schon als deren hauptsächlichste Teil Wissen
schaft angesehen werden. Die Grundlagen der Nationalökonomie
sind die Physiologie und die Psychologie ; die Physiologie, weil
die Anstrengung oder Arbeit eine physiologische Erscheinung
ist; die Psychologie, weil das allgemeine Grundgesetz des
Lebens, das Gesetz des kleinsten Mittels, ein psychologisches
ist. Die „richtige“ Methode in der Nationalökonomie ist nicht
1) Außer diesen Artikeln und seiner regelmäßigen, volkswirtschaftlichen
Chronik im Journal des Débats, veröffentlichte er: Le Travail aux points de vue
scientifique, industriel et social, Paris, 1899. — La Statistique, ses difficultés,
ses procédés, ses résultats, Paris, 1905. — Portraits de Financiers, Paris, 1908.
— Außerdem hat er die 8. und 9. Auflage von Courcelle-Seneuil, Les Opérations
de Banque, Paris, 1899 und 1905, bearbeitet.
2) A. Liesse, Art. Méthode in : Dictionnaire d’économie politique, Bd. II,
p. 258. Vgl. Art. Sociologie, ibid. p. 889 ff.
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich.
10