Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

330 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
liehe Theorie auch gegenüber diesen Problemen; sie kann nur 
fordern, daß das Endergebnis den Prinzipien der Gerechtigkeit 
und den Notwendigkeiten des seelischen Lebens entspreche, 
daß der Arbeiter hinreichend viel verdiene, um leben und seine 
seelischen Fähigkeiten entwickeln zu können. Wir christlichen 
Sozialisten hingegen sind fest überzeugt davon, daß das Lohn 
system keineswegs den Endpunkt der Entwicklung bedeutet, 
daß es ebenso verschwinden werde, wie Sklaverei und Hörigkeit 
verschwunden sind, daß neue Entwicklungsformen an seine 
Stelle treten werden. Wir christlichen Sozialisten lehnen auch 
jenen Zustand der Gegenwart ab, in dem die Arbeitskraft als 
Ware behandelt wird, abhängig von dem Gesetz von Angebot 
und Nachfrage. Wir fordern andere Einrichtungen, die der 
Würde der Arbeit besser entsprechen; wir fordern ferner ein 
Existenzminimum für Bemessung der Arbeitslöhne und zwar nicht 
ein Minimum, das bloß die physische Existenz gewährleistet, 
sondern ein solches, das mit den Forderungen unserer heutigen 
Zivilisation im Einklang ist; nicht bloß Nahrung muß es ge 
währen, sondern auch geistige Güter ; nicht bloß Befriedigung 
des Notwendigsten, sondern auch Freude am Leben. Wir sind 
auch entschiedene Anhänger der Arbeiterschutzgesetzgebung, der 
obligatorischen Versicherung gegen Krankheit, Unfall und Älter. Wir 
fordern, daß das Einkommen des Mannes hinreiche, um seine 
Familie zu ernähren und seiner Gattin einen Platz am häus 
lichen Herde zu sichern. Wir fordern, daß die Gesundheits 
abnützung des Arbeiters in der Fabrik nicht eine solche sei, 
daß er kranke Kinder in die Welt setzt. Wir fordern, daß ihm 
abends hinreichende Muße bleibe, um an allen geistigen Gütern 
Anteil nehmen und am Sonntag seinen religiösen Pflichten ge 
nügen zu können.“ 
„All dies sind Ziele; wichtiger vielleicht noch als ihre 
Formulierung ist das Finden der Wege, um zu ihnen zu gelangen. 
Die christlichen Sozialisten halten einen dieser Wege für den 
besten, und zwar die berufsständige Organisierung der Gesell 
schaft. Zunächst soll die Organisierung der Arbeiter in Gewerk 
schaften in jeder Weise begünstigt werden, alle Arbeiter der 
Fabrik sollen zu einer Einheit werden, welche sich allen Miß 
bräuchen widersetzt, jede Verletzung ihrer Lebensinteressen 
zurückweist. Diese Gewerkschaften sollen arbeitslose Mitglieder
	        
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