Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

332  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

schaftlichen  Kräfte  in  voller  hierarchischer  Entwicklung  und  im
richtigen  Verhältnis  zueinander  derart  am  Gemeinwohl  zusammenwirken, ­
  daß  das  letzte  Resultat  ihrer  Tätigkeit  in  besonderer ­
  Weise  den  unteren  Klassen  zum  Vorteil  gereicht“  *).
Das  Gemeinwohl  ist  also  das  generische,  das  besondere  Wohl
der  unteren  Klassen  das  spezifische  Ziel  der  Demokratie.  Beide
Ziele  folgen  aus  der  Natur  der  christlichen  Gesellschaftsordnung.
Ja,  die  christliche  Demokratie  identifiziert  sich  mit  der  christlichen ­
  Gesellschaftsordnung,  denn  die  Verwirklichung  des  Gemeinwohles, ­
  so  wie  diese  es  sich  zum  Ziele  setzt,  führt  logischerweise ­
  zu  einem  besonderen  Schutze  der  zahlreichsten  und
schwächsten  Klassen.  Darum  kann  man  sagen,  daß  die  christliche ­
  Demokratie  aus  dem  Wesen  des  Christentums  sich  ergibt;
„die  hl.  Schriften  enthalten  alle  Elemente  derselben  und
man  kann  sagen,  daß  die  christlichen  Gesellschaften  der  Vergangenheit ­
  virtuell  demokratische  Gesellschaften  waren“ 2 ).
Das  Wesen  der  christlichen  Demokratie,  die  virtuelle  Demokratie, ­
  ist  durch  deren  Ziel  gegeben;  zu  ihr  tritt  die  konkrete
Demokratie,  d.  h.  deren  zufälligen  Merkmale,  welche  in  den
Mitteln  zur  Verwirklichung  jenes  Zieles  bestehen.  Man  kann
nicht  genug  betonen,  daß  das  Wesen  der  christlichen  Demokratie ­
  im  Zusammenwirken  aller  sozialen,  rechtlichen  und  wirtschaftlichen ­
  Kräfte  zum  Schutze  und  zur  Hebung  der  Lage  der
unteren  Klassen  besteht.  Mittel  zur  Verwirklichung  dieses  Zusammenwirkens ­
  und  deswegen  zufällige  Merkmale  der  christlichen ­
  Demokratie  sind:  die  Form  der  Staatsverfassung,  die
rechtliche  Regelung  der  Beziehungen  der  Klassen  zueinander,
die  Art  der  Güterverteilung,  die  Anteilnahme  aller  sozialen
Elemente  an  der  Regierung.  „Es  sind  dies  Modalitäten  des
Seins,  welche  nichts  Permanentes  oder  Absolutes  an  sich  haben
und  nach  den  Umständen  wechseln.  „Man  muß  sorgfältig  beachten, ­
  daß  das  zufällige  Merkmal:  Form  der  Staatsverfassung
und  eventuell  politische  Demokratie  nicht  Voraussetzung,  sondern ­
  lediglich  unwesentliche  Folgerung  aus  der  Begriffsbestimmung ­
  der  christlichen  Demokratie  ist.  Die  soziale  Demokratie
ist  das  Primäre,  sie  muß  notwendig  von  allen  Katholiken  anb

  Ch.  Antoine,  Cours  d’Economie  sociale,  3.  Ausl.,  Paris,  1905,  p.  279  ff.
2 )  ibid.  p.  280.
            
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