Die christlichen Sozialisten
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genommen werden, weil sie sich aus dem Wesen des Evange
liums ergibt und ein Grund zur Eintracht ist“ ; die politische
Demokratie aber ist ein Sekundäres, Zufälliges, „das man er
laubterweise annehmen oder verwerfen kann“ *).
Bei Antoine vollzieht also die christliche Demokratie
einen vollständigen Rückzug bezüglich der Frage der republi
kanischen Staatsverfassung. Sie verzichtet ausdrücklichst darauf,
sich fortan mit einer bestimmten Regierungsform zu identifi
zieren. Aber auch alle andern Ideen des katholischen Sozia
lismus: die korporative Organisation des Wirtschaftslebens, die
Vergenossenschaftlichung der Produktionsmittel, die Beseitigung
der Arbeitgeber und der Lohnarbeit, die Verwerfung der Klassen
hierarchie und die Forderung, daß die soziale Stellung eines
jeden ausschließlich durch seinen persönlichen Wert und seine
persönliche Arbeitsleistung bestimmt werde usw., alles dies läßt
Antoine fallen mit der Begründung, daß diese Anschauungen
„in keinerlei Weise aus dem Begriff der christlichen Demokratie
folgen“ 2 ). Diese selbst aber ist fortan (seit der Enzyklika
Graves de communi) „ein integrierender und notwendiger Be
standteil des Katholizismus“ 3 ).
Die Deutung der christlichen Demokratie durch Antoine,
welche sich formell auf die Rettung des Ausdrucks „Demokratie“
reduziert, macht zunächst den Eindruck größter Harmlosigkeit.
Man würde sich aber einer schweren Täuschung hingeben,
wenn man bei diesem Eindruck stehen bliebe und hinter der
Sache weiter nichts sehen wollte, als etwa eine große Virtuo
sität im Umfallen. In Wirklichkeit hat Antoine durch seine
Darstellung der christlichen Demokratie dieser einen großen
Dienst erwiesen. Er hat sie nämlich zugleich in der katho
lischen Theologie fest verankert und ihr die Bahn für die zu
künftige Entwicklung frei gemacht.
Vergegenwärtigen wir uns die Situation : von den Ge
sinnungsgenossen de la Tour du Pins, und zwar nicht nur
in Frankreich, wurde — und wird heute noch — der Begriff
') ibid. p. 281-282.
2 ) ibid. p. 290.
3 ) ibid. p. 292.