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Der Solidarismus
rung der Teile steht. Wo die Teile homogen sind, kann jeder
derselben sich selbst genügen; wo sie unähnlich sind, ergänzt
jeder den andern und kann isoliert weder leben noch wirken x ).
3. Die Soziologen, insbesondere Schäffle und Espinas,
haben diese biologischen Kenntnisse dazu verwertet, Analogien
zwischen ihnen und gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Er
scheinungen, die sie beobachteten, zu konstruieren 2 ). Z. B. : in
der menschlichen Gesellschaft, wie im lebenden Organismus,
steht die Solidarität der Glieder im direkten Verhältnis zu ihrer
Differenzierung. Bei einer von Jagd und Fischfang lebenden
wilden Horde fügt darum die Trennung eines Individuums vom
ganzen demselben weniger Schaden zu, als ihm ein Boykott in
einer zivilisierten Gesellschaft bereiten würde 3 ). Von dieser
Analogienkonstruktion hat sich jedoch die Soziologie nach und
nach losgesagt. Damit wurde die Beobachtung gesellschaft
licher und volkswirtschaftlicher Solidaritätserscheinungen bei
ihr selbständiger und führte zu einer soziologischen Theorie
der Solidarität : An dieser Entwicklung sind in Frankreich
hauptsächlich Fouillée, Izoulet, Durkheim beteiligt. Wir
werden darauf im folgenden Buche, das der Erörterung der
Nationalökonomie bei den Soziologen gewidmet ist, zurückzu
kommen haben.
4. Der tatsächlichen, natürlichen und gesellschaftlichen
Solidarität, welche vom Willen des Individuums unabhängig ist,
stellten Charles Gide und Léon Bourgeois je eine Theorie ge
wollter Solidarität entgegen, welche beide großen Anklang
gefunden haben. Die Theorie Bourgeois' ist eine juridisch
wirtschaftliche, diejenige G id es eine spezifisch-nationalökono
mische. Von ihnen werden wir unten zunächst zu sprechen
haben.
5. Die Durchdringung des Volksbewußtseins im Frankreich
der Gegenwart mit dem Solidaritätsgedanken ist eine Gesamt
wirkung komplexer Ursachen. Das Bedürfnis, der Idee von der
Vereinigung der Individuen in ein Ganzes kraftvoll Ausdruck zu
geben, lag überhaupt durch das ganze XIX. Jahrhundert sozusagen
in der Luft. Man kann darin zunächst eine natürliche Reaktion
0 Vgl. Ch. Gide und Ch. Rist, Histoire des Doctrines économiques, p. 675.
2 ) Vgl, Henry Michel, L’Idée de l’Etat, Paris 1898, p. 459 ff.
3 ) Vgl. Gide und Rist, loc. cit. p. 674—675.