Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Die  „interpsychologische“  Grundlegung  der  Nationalökonomie  505

Gesellschaftsordnung  vor,  in  welcher  der  Solidaritätsgedanke  in
großartiger  Weise  verwirklicht  sein  wird 1 ).
Am  Ausgangspunkt  die  Harmonie  des  Weltalls,  am  Zielpunkt ­
  die  Solidarität  des  Menschengeschlechtes:  das  sind  Gesichtspunkte, ­
  die  so  recht  den  mächtigen  Gedankenflug  Tardes
veranschaulichen!  Wenn  wir  nunmehr  abschließend  das,  was
er  für  die  Volkswirtschaftslehre  geleistet  hat,  würdigen  sollen,
so  ist  zunächst  zu  bedauern,  daß  er  von  der  volkswirtschaftlichen ­
  Literatur  und  dem  Stande  der  Wissenschaft  in  seinen
Tagen  nur  eine  ungenügende  Kenntnis  besaß;  der  Umstand,
daß  ihm  sowohl  die  deutsche  als  die  englische  Sprache  fremd
geblieben  waren,  ist  für  ihn  besonders  nachteilig  gewesen,  denn
gerade  in  der  Richtung  seiner  Forschungen  hätte  er  in  den  vor
seinem  Tode  noch  nicht  ins  Französische  übertragenen  Werken
von  Bücher,  Schmoller,  Böhm-Bawerk,  Marshall  u.  a.  Ansätze
und  Vergleichspunkte  gefunden,  deren  Berücksichtigung  den
Wert  seiner  Arbeiten  nur  hätte  erhöhen  können.  Dennoch  gebührt ­
  dem  Autodidakten,  der  sich  in  der  Einsamkeit  selber
gebildet  hatte,  und  dem  kein  Gebiet  menschlichen  Wissens
fremd  geblieben  ist,  alle  Achtung.  Sein  Versuch,  die  Volkswirtschaftslehre ­
  durchgreifend  psychologisch  zu  fundamentieren,
das  Wirtschaftsleben  aus  der  geistigen  Tätigkeit  der  wirtschaftenden ­
  Menschen  zu  erklären,  stellt  eine  sehr  fruchtbare  Leistung
dar,  welche  die  Arbeiten  der  österreichischen  Schule,  sowie  jene
von  Walras,  Pareto,  Marshall,  Bücher  u.  a.  vielseitig  mit  feinem
Sinn  und  großer  Gedankenkraft  ergänzt.  Die  Werke  Tardes
sind  reich  an  originellen  Ideen  und  an  großartigen  Ausblicken,
die  allerdings  hie  und  da  ins  Utopische  hinauswachsen.  Seine
Sprache  ist  von  bestrickendem  Wohllaute,  wenn  auch  nicht
immer  ganz  klar;  aber  er  redet  aus  der  Tiefe  der  Seele,  mit
großer  Aufrichtigkeit  und  Überzeugungskraft,  dabei  stets  auf
rhythmische  und  musikalische  Sprachbehandlung  bedacht.
Vor  allem  enthält  die  Bedürfnislehre  Tardes  viele  wertvolle ­
  Beobachtungen  und  kostbare  Anregungen.  Wir  glauben
jedoch  nicht,  daß  seine  Gegenüberstellung  von  Erfindung  und
Arbeit  Anklang  finden  wird.  Sie  beruht  auf  einer  derart  subtilen ­
  Abstraktion  —  Tarde  erkennt  selbst  an,  daß  in  der  Wirkl

 )  ibid.  p.  384  ff
            
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