Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Henry  Michel  hat  Recht,  wenn  er  zu  Dürkheims  Werk
„De  la  Division  du  Travail  social“  fragend  äußert:  „(L'esprit)
se  prend  à  craindre  que  sur  tout  ce  livre,  d’une  construction
en  apparence  si  solide,  où  règne  une  méthode  qui  se  flatte  d’être
strictement  positive,  la  métaphysique,  phantôme  mal  exorcisé,
ne  continue  à  planer,  invisible,  mais  présente 1 )?“
François  Simiand,  Bibliothekar  am  Handelsministerium  in
Paris,  hat  schätzenswerte  Beiträge  zur  Lohntheorie  mittelst  der
„indirekt  experimentellen“  Methode  Dürkheims  gewonnen 2 ).
Er  ist  von  der  Überzeugung  durchdrungen,  daß  die  Nationalökonomie ­
  den  Anspruch,  eine  Wissenschaft  zu  sein,  erst  dann
wird  erheben  können,  wenn  sie  mit  Hilfe  jener  Methode  durchgreifend ­
  positiv  fundamentiert  sein  wird.
In  der  heutigen  volkswirtschaftlichen  Literatur,  führt  Simiand ­
  aus 3 ),  liegt  allen  Theorien  ausdrücklich  oder  stillschweigend ­
  eine  Fragestellung  folgender  Art  zugrunde  :  Welches
ist  die  wirtschaftlichste  Produktion  und  wie  ist  sie  zu  verwirklichen? ­
  Welches  ist  die  beste  Art  der  Verteilung?  Wie  kann
man  der  größten  Zahl  die  größtmögliche  Menge  von  Gütern
verschaffen?  usw.  Die  heutige  Nationalökonomie  ist  darum
nicht  eine  Erforschung  von  Ursachen  und  Wirkungen,  sondern
ein  Studium  von  Mitteln  im  Hinblick  auf  ein  Ziel.  Selbst  jene
Volkswirte,  welche  den  Anspruch  erheben,  die  reine  Ökonomik
zu  lehren,  sehen  i^ire  Hauptaufgabe  darin,  die  Gleichgewichtsbedingungen ­
  eines  ideellen  Marktes,  den  sie  „freien  Markt“
nennen,  zu  bestimmen.  Aber  bedeutet  das  Unterfangen,  die
Bedingungen  des  Gleichgewichts  eines  Marktes  eher  als  jene
eines  gestörten  Gleichgewichtes  desselben  bestimmen  zu  wollen
nicht,  daß  man  stillschweigend  ein  Analytisches  Postulat  voraus-')

  Henry  Michel,  L’Idée  de  l’Etat,  Paris  1896,  p.  481—482.
2 )  François  Simiand,  Le  Salaire  des  ouvriers  des  Mines  de  charbon  en
Prance.  Contribution  à  la  Théorie  économique  du  salaire.  Paris  1907.  —
H.  Simiand  war  so  freundlich,  uns  außerdem  mehrere  schriftliche  Notizen,
sowie  den  Bürstenabzug  einer  von  ihm  dem  Soziologenkongreß  in  Heidelberg
(1908)  gemachten  Mitteilung,  die  später  in  der  Revue  de  Métaphysique  veröffentlicht ­
  wurde,  zur  Verfügung  zu  stellen.  Wir  verweisen  auch  auf  seine  zahlreichen ­
  Rezensionen  in  den  verschiedenen  Jahrgängen  der  Année  sociologique.
3 )  F.  Simiand,  La  Méthode  positive  en  Science  économique,  in:  Revue
de  Métaphysique  1908.  (Wir  zitieren  nach  dem  eben  angeführten  Bürstenabzug.)
            
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