Object : Einführung in das Studium der Konjunktur

214  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

klommen  und  mitten  in  der  letzten  Periode  des  Aufstiegs
kündigte  sich  der  beginnende  Rückgang  unausbleiblich  an.“
Im  Gegensatz  zu  der  eben  betrachteten  Depression  der  Jahre
1907  und  1908,  bei  welcher  nur  die  Verhältnisse  des  Geldmarktes
und  der  Wirtschaft  für  den  Gang  der  Konjunktur  maßgebend  waren,
spielten  in  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  der  Konjunkturperiode
1910—1913  politische  Faktoren  eine  sehr  große  Rolle,  welche  zeitweilig ­
  sehr  störend  in  das  Wirtschaftsleben  eingriffen.  Hierher
gehörte  in  erster  Linie  im  Jahre  1911  die  Marokkokrisis  und  die
damit  im  Zusammenhang  stehende  Zuspitzung  der  politischen  Verhältnisse, ­
  welche  einen  recht  verheerenden  Einfluß  auf  den  Geldmarkt
und  die  Börse  ausübten.  Zwar  war  das  nur  vorübergehend  der  Fall,
da  Ende  1911  diese  Krisis  überwunden  schien  und  ein  weitgehender
Optimismus  wieder  im  Wirtschaftsleben  und  an  der  Börse  um  sich
griff,  welcher  im  wesentlichen  bis  zum  Sommer  1912  andauerte.  Es
ist  kein  Zweifel,  daß  der  von  dieser  Zeit  an  langsam  einsetzende  Umschwung ­
  in  der  wirtschaftlichen  Konjunktur  dann  wieder  durch  die
politischen  Unruhen  im  Zusammenhang  zu  dem  Balkankrieg  mit  veranlaßt ­
  worden  ist.
In  der  ersten  Hälfte  Oktober  1912,  in  welche  der  Beginn  des
Balkankrieges  fiel,  wo  Montenegro  als  erster  Balkanstaat  agressiv
gegen  die  Türkei  vorging,  da  brach  allenthalben,  vor  allem  auch  an
der  Berliner  und  Pariser  Börse,  eine  ausgesprochene  Panik  aus.  Am
Kassaindustrieaktienmarkt  erlitten  die  führenden  Papiere  erhebliche
Einbußen,  weniger  schlimm,  aber  immer  noch  schlimm  genug,  sah
es  am  Ultimomarkte  aus.  Der  Kursrückgang  der  führenden  Aktienwerte ­
  bewegte  sich  im  Durchschnitt  um  etwa  25  °/o  herum.  Dabei
waren  vorher  schon  beträchtliche  Kursrückgänge  eingetreten,  als  das
Gerücht  umging,  daß  Serbien  ein  Ultimatum  an  die  Türkei  gerichtet
habe.  Aus  dieser  politischen  Verwicklung  heraus  wurde  auch  der
Geldmarkt  ungünstig  beeinflußt.  Es  hing  dies  vor  allem  damit  zusammen, ­
  daß  bei  dieser  politisch  so  zugespitzten  Lage  die  verschiedenen ­
  Notenbanken  ihre  Diskontsätze  erhöhten,  weil  sie  darauf  bedacht ­
  sein  mußten,  ihre  Goldbestände  zu  schützen.
Bei  der  deutschen  Reichsbank  betrug  der  Diskontsatz  im  Jahre
1912  vom  1.  Januar  bis  10.  Juni  5o/ 0 ,  vom  11.  Juni  bis  23.  Oktober
4V2%,  vom  24.  Oktober  bis  13.  November  5  o/o,  und  wurde  am
14.  November  auf  6  o/o  erhöht.  In  dieser  Höhe  blieb  er  bis  zum
26.  Oktober  1913  bestehen  und  wurde  dann  am  27.  Oktober  auf  5i/ 2
und  am  12.  Dezember  auf  5o/o  herabgesetzt.  Im  Jahre  1914  sank  er
dann  in  zweimaligen  Herabsetzungen  bis  auf  4  o/o,  um  dann  am
31.  Juli  auf  5  und  bereits  am  nächsten  Tage  auf  6  o/ 0  heraufgesetzt
            
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