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stellen, sondern muß darauf Rücksicht nehmen, daß viele Rohstoffe
im Kriegsfall anders als in Friedenszeiten verw en d e t werden
können. Die Kartoffeln, welche sonst zur Schnapsbereitung dienen,
dürfte man in Kriegszeiten, wenn Nahrungsmangel herrscht, direkt konsumieren.
Man müßte systematisch festzustellen trachten, welche Rohstoffe
irgendwie für Nahrungszwecke überhaupt Verwendung finden können. Abgesehen
davon, daß die übliche Produktion durch eine andere ersetzt werden
kann, muß man auch die Einführung von Surrogaten aller Art
in Erwägung ziehen. Es kann die Ernährung im Kriegsfall wesentliche Modifikationen
erleiden. Schließlich muß man mit dem Verbrauch von Reserven
rechnen, wie sie insbesondere im Vieh gegeben erscheinen. Während des Balkankrieges
z. B. lebten die Balkanstaaten zum Teil von dem Fleisch, das durch
vermehrte Schlachtungen gewonnen wurde. Die Schlachtungen nahmen dort
deshalb sehr zu, weil die Soldaten im Frieden seltener Fleisch essen, als
dies während des Feldzuges der Fall war.
Schließlich muß noch die Frage erörtert werden, in welcher Weise denn
überhaupt die Produktion während eines Weltkrieges fortgeführt werden kann.
Während man bis vor kurzem der Meinung war, ein Zukunftskrieg werde
rasch zu Ende sein, beginnt sich jetzt wieder die Anschauung zu festigen,
daß ein Weltkrieg von längerer Dauer nicht etwas Unmög-1
ich es sei, zumal man ja nicht mit einer kontinuierlichen Kriegsführung
rechnen dürfe. Pausen während des Krieges, die dennoch keine Rückkehr
zur Friedensarbeit gestatten, müßten mit in Rechnung gezogen werden. In
diesem Fall kommen alle Produktionsreserven in Frage, die wir in Form
von Naturschätzen, Erfindungen usw. besitzen. Vergessen wir nicht, daß dann
viele extensiv bebaute Bodenflächen vielleicht einer intensiven Bearbeitung zugeführt
werden könnten. Almen, die heute verlassen werden, um Jagdzwecken
zu dienen, werden während eines Weltkrieges vielleicht wieder Vieh ernähren.
Und sollte die Almwirtschaft nicht rentabel sein, so kann sie die Regierung
wohl trotzdem erzwingen, um die Armee und die Zivilbevölkerung entsprechend
zu versorgen. Wir können mit einer Erweiterung des Gemüseanbaues, mit
einer Entwicklung der Konservenindustrie rechnen. Die Arbeitskräfte, die in
den Luxusindustrien tätig sind, werden vielleicht — soweit sie nicht einberufen
werden — in der Lebensmittelindustrie Verwendung finden. Es sind
dies alles Fragen, die einer eindringenden Bearbeitung harren. Vergessen
wir nicht, daß wir bis jetzt nur eine unzureichende Produktionsstatistik besitzen,
und daß es großer Mühe bedarf, um dieselbe auch nur in grober Annäherung
für den Kriegsfall umzurechnen.
Praktische Fragen dringendster Art treten an die Zivil- und Militärverwaltung
heran ; an erster Stelle steht die Versorgung der Bevölkerung
mit Nahrungsmitteln und Kohlen. Insbesondere muß die
Frage historisch und systematisch studiert werden, wie die Großstädte entsprechend
versorgt werden können. Im allgemeinen werden diese Studien
immer von Fall zu Fall angestellt, ohne daß ausreichende Vorarbeiten vorliegen
würden; fehlen doch bis jetzt geeignete kriegswirtschaftliche
Institute. Wenn die Verpflegung der Großstädte in Betracht
gezogen wird, muß man einerseits die Möglichkeit der Zufuhr, anderseits
die Möglichkeit der Magazinierung erwägen. Es ergibt sich so die Notwendigkeit,
einen allgemeinen Mobilisierungsplan auszuarbeiten,
der nicht nur die Armee umfaßt, sondern auf die
gesamte soziale Struktur und auch auf die verbündeten
Staaten Rücksicht nimmt. Wie wichtig für den militärischen Widerstand
entsprechende Vorsorgen sein kölpnen' beweist eine Erfahrung aus
dem russisch-japanischen Kriege. Rußland hatte bereits im Jahre 1904 einen
zweijährigen Lebensmittelvorrat auf der Insel Sachalin angehäuft. Der Vorrat
reichte für die Zivil- und Militärbevölkerung aus. Hätte er z. B. nur für die
Militärbevölkerung allein ausgereicht, so würde die Insel bald dem Feinde
in die Hände gefallen sein. Dies alles läßt die Forderung gerechtfertigt
erscheinen, die insbesondere in Deutschland von Kriegswirtschaftlern vertreten