Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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uns  haben,  die  in  unserer  Lebensordnung  sich  nur  ungenügend  betätigen
können.  Zum  Teil  sind  sie  in  ihrer  technischen  Leistungsfähigkeit  beschränkt.
Wenn  aber  jemand  etwa  nur  zu  drei  Vierteln  leistungsfähig  ist,  pflegt  er  in
noch  geringerem  Maße  als  gerade  zu  drei  Vierteln  sich  betätigen  zu  können,
weil  wir  keine  Maßnahmen  getroffen  haben.  Mindertaugliche  zu  verwerten.
Zum  Teil  sind  es  aber  Menschen,  welche  technisch  voll  leistungsfähig  wären,
aber  der  Lebensform  der  freien  Konkurrenz  nicht  gewachsen  sind.  Sie  würden
sofort  volltauglich  werden,  wenn  sie  an  die  geeignete  Stelle  kämen,  die  zu
suchen  oder  sich  zu  schaffen  sie  aber  unfähig  sind.  Menschen,  die  einem  geruhigen ­
  Typus  angehören,  der  in  der  Zeit  der  Patrimonialverfassung  der  normale ­
  war,  sind  heute  die  Verstoßenen,  ja  die  Umhergetriebenen.  Manchmal
finden  sie  in  irgend  einem  Minderberuf  einen  Unterschlupf,  eine  Lösung,  die
weder  für  sie,  noch  für  die  Gesamtheit  wirklich  rationell  ist.  Psychisch  De^
fekte,  welche  als  Einzelne  überhaupt  nicht  verwendbar  sind,  können  in  entsprechend ­
  organisierten  Gruppen  Erhebliches  leisten  und  so  die  Lasten  verringern, ­
  welche  sie  sonst  der  Gesamtheit  auflegen.
Was  so  von,  Defekten,  Kranken,  sozial  Abnormalen  behauptet  werden
kann,  dürfte  aber  auch  von  sehr  vielen  gelten,  die  wir  als  sozial  durchaus  normal ­
  ansehen.  Wissen  wir  denn,  ob  nicht  die  Mehrzahl  der  Menschen  heute  in
Organisationsformen  lebt,  denen  sich  anzupassen  einen  großen
Teil  ihrer  Kraft  aufsaugt?  Wissen  wir  denn,  ob  nicht  die  Mehrzahl ­
  der  Menschen,  die  deshalb  als  sozial  normal  gilt,  weil  sie  diese  Kraft  zur
Anpassung  aufbringt,  unvergleichlich  mehr  leisten  würde,  wenn  wir  sie  in
anderen  Organisationsformen  arbeiten  ließen?
Der  Ruf  nach  mannigfaltigerer  Berufsgestaltung  wird  durch  den  Krieg
besonders  nahegebracht.  Die  Kriegsbeschädigten,  deren  Differenzierung  ja  viel
größer  als  die  der  Gesunden  ist,  müssen  untergebracht  werden.  Man  widmet
nun  weit  mehr  Mühe  der  Frage,  wie  ihre  Tauglichkeit  für  vorhandene  Berufe
und  Arbeitsweisen  ermittelt  werden  kann,  als  der  anderen  Frage,  welche  Organisationsformen, ­
  welche  Berufe  man  umgestalten  oder  neu  schaffen  müsse,  um
sie  möglichst  günstig  zu  beschäftigen.  Vielleicht  könnten  sehr  viele  eine  Halbtagarbeit ­
  voll  ausfüllen.  Wäre  es  nicht  naheliegend,  ganze  Fabriksorganisationen ­
  auf  Halbtagarbeit  einzurichten  und  die  dabei  erwachsenden  Mehrkosten
aus  den  Mitteln  für  die  Invalidenfürsorge  zu  bestreiten?  Ist  aber  einmal  der
Damm  gebrochen,  dann  wird  man  von  allen  Seiten  mit  derlei  Vorschlägen
kommen.  Die  allgemeine  Einführung  der  Halbtagarbeit  für  verheiratete  Fabrikarbeiterinnen ­
  mit  kleinen  Kindern  z.  B.  erscheint  dann  als  eine  Selbstverständlichkeit. ­
  Man  würde  dann  ebenso,  wie  man  heute  Einzelversuche  bezüglich ­
  bestimmter  Einwirkungen  der  Betriebe  anstellt,  den  Einfluß  ganzer  Betriebsorganisationen, ­
  Berufsanordnungen  untersuchen  können.  Man  würde  sich
bemühen,  in  Versuchsanlagen  den  Einfluß  des  Wechsels  landwirtschaftlicher  und
industrieller  Arbeit  zu  erproben,  der  nicht  zum  wenigsten  auf  der  Hoffnung
beruht,  welche  der  Einzelne  in  sich  hegt,  daß  es  nun  bald  „Agrarferien“,  daß
es  nun  bald  „Industrieferien“  gibt.  Urlaube  und  Rekonvaleszentenfürsorge
werden  oft  durch  einen  Wechsel  der  Beschäftigung  ersetzt  werden  können.
Freilich  erfordert  dies  alles,  daß  der  heute  sich  mächtig  entfaltende  Wille,
die  Kriegswirkungen  möglichst  rasch  zu  überwinden,  ein  klares  Ziel  vorfindet.
Dann  ist  es  möglich,  daß  wir  nach  dem  Kriege  durch  organisatorische  Reformen ­
  nicht  nur  die  dauernden  Schädigungen,  welche  der  Krieg  mit  sich
bringt,  wett  machen,  sondern  darüber  hinaus  ein  glücklicheres  Dasein  schaffen,
als  vor  dem  Kriege  bestanden  hat.
Es  wäre  für  die  gesamte  Kriegsfürsorge,  für  die  gesamte  Sozialpolitik  und
nicht  zuletzt  für  die  gesamte  Volkswohlfahrtspflege  von  Bedeutung,  das  „umgekehrte ­
  Taylorsystem“  praktisch  auszugestalten,  von  Bedeutung,  so  viel  verschiedenartige ­
  Berufsformen,  so  viel  verschiedenartige  Organisationstypen  zu
haben,  daß  möglichst  zahlreiche  Menschen  ihren  Fähigkeiten  und  Neigungen
entsprechend  beschäftigt  werden  können.  Schafft  geeignete  Berufe
und  geeignete  Organisationsformen  für  geeignete  Menschen ­
  !
            
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