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eingelagerte Getreide Vorschüsse erhalten. Es ist sofort einleuchtend, daß
eine solche Institution den Bauer vom lokalen Händler unabhängig macht
und zu Beginn der Steuerreform von größtem Segen gewesen wäre. Diese
Speicher können das Getreide zu geeigneter Zeit verkaufen, und der Bauer kann
seine Geldsteuer entweder aus dem Erlös oder aus den ihm gewährten Vor
schüssen bezahlen. Es ist diese Methode keine Naturalbesteuerung, sondern
eine Geldbesteuerung mit zentralisierter Veräußerung xier
Naturalien. Daß derartige Einrichtungen im Kriegsfälle besonders ge
eignet sind, erhellt schon daraus, daß dann der Markt oft arg verwirrt
ist und jede Zentralisation im Interesse aller Kreise liegt, insbesondere aber
auch im Interesse der Militärverwaltung, die in den Speichern Reserven vor
findet. Übrigens hat die Militärverwaltung diese Speicher auch im Frieden
mit Vorteil benützt, da sie aus ihnen Naturalien, so z. B. Hafer, in großen
Quantitäten bezog. Die Ausschaltung des Zwischenhandels kann den Land
wirten und der Armee Gewinn bringen.
Alle diese Möglichkeiten: Geldsteuer, Naturalsteuer, Geldsteuer mit zen
tralisiertem Naturalienverkauf, sowie manche andere können nebeneinander be
stehen. Die üblichen Steuersysteme sind ursprünglich städtische Steuern, die
man vielfach ohne ausreichende Anpassung aufs flache Land übertragen hat.
Neben den angedeuteten grundsätzlichen Problemen gibt es noch eine
glanze Reihe anderer, die von erheblicher Wichtigkeit sind. So muß man z. B. die
Frage erörtern, wie weit direkte, wie weit indirekte Steuern am Platz sind, wie
weit Besitzsteuern — mit denen z. B. England im Kriegsfälle rechnet. Für
die soziale Struktur ist dann wieder das Überwälzungsproblem bedeutsam, die
Feststellung, welche Steuern und in welchem Ausmaß sie vom ursprünglichen
Steuerzahler auf den eigentlichen Steuerträger übergehen. Wenn z. B. der
Hausherr eine Steuer zahlen muß, wälzt er sie oft ganz oder teilweise auf den
Mieter über, indem er die Mietzinse erhöht.
5. Schaffung von Zeichengeld.
Mit Vorliebe wird in großen Kriegen zur Schaffung von Zeichengeld ge
schritten, um die nötigen Mittel für die Regierung bereitstellen zu können.
Man spricht gemeinhin davon, daß die Notenpresse in Bewegung gesetzt wird,
obgleich dies nicht die einzige Methode ist, Zeichengeld zu erzeugen. Soweit
man die gegenwärtige Ordnung der Dinge zu überblicken vermag, muß man
wohl annehmen, daß in einem großen Zukunftskrieg die Schaf
fung von Zeichengeld eine erhebliche Rolle spielen kann.
Beginnen wir mit der Schaffung von Noten. Sie können von der
Bank gedruckt und dem Staat geliehen werden, sie können auch unmittelbar
vom Staat ausgehen, für den praktischen Erfolg ist das im wesentlichen das
selbe. Wir wollen diese Unterschiede zunächst vernachlässigen und uns fragen,
was denn überhaupt die Schaffung von Zeichengeld bedeute? Dadurch, daß
Geld erzeugt wird, wird ja die Menge der vorhandenen Güter zunächst nicht
vermehrt. Um alles vorhandene Geld kann man ja nie mehr Waren kaufen,
als auf dem Markte vorhanden sind. Das Drucken von Noten verändert daher
nur die Verteilung der Güter. Betrachten wir die Tabelle XIII, die der Ta
belle XII nachgebildet ist, so sehen wir, wie die Schaffung von Zeichengeld
durch die Regierung im Ausmaße von 30 Notenmengen die vorhandene Geld
menge verdoppelt.
Wenn die Regierung keine Noten emittiert, so zirkulieren die Güter, wie
dies Fall I uns zeigt. Die Produkte a, b, c kosten je 10 Notenmengen. Nun
kommt die Regierung auf den Markt, und im Fall II stehen den drei Waren
mengen 60 Notenmengen gegenüber. Wir wollen der Einfachheit halber an
nehmen, daß die Regierung ebenfalls von jeder Produktionsmenge gleichviel
zu kaufen wünscht. Die Bürger können mit 30 Notenmengen auftreten, die
Regierung ebenfalls mit 30 Notenmengen. Es ist durchaus verständlich, wenn
die Regierung die Hälfte der Waren erhält, die andere Hälfte die Bürgerschaft.
Nach Abwicklung der Kaufgeschäfte zwischen Bürgern und Regierung und der
Bürger untereinander besitzt jeder Bürger 20 Notenmengen, von denen 10 von