Full text : Sozialismus und Regierung

Von  der  Monarchie  als  politischer  Macht  kann  jedoch  behauptet  werden, ­
  daß  sie  nur  potentiell  existiere.  Solange  dies  der  Fall  ist,  mag  der
politische  Reformator  achtlos  an  ihr  vorübergehen,  selbst  wenn  er  theoretisch ­
  ein  Republikaner  ist.  Er  kann  ihr  einen  Nützlichkeitswert
zuschreiben.  Wenn  sie,  wie  bei  uns,  ein  alter  und  fest  gesicherter  Bestandteil ­
  der  Verfassung  ist,  so  befreit  sie  den  Staat  nicht  allein  von
der  lästigen  Mühe,  einen  ersten  Beamten  zu  wählen,  einen  nominellen
Träger  der  Exekutivgewalt,  einen  Führer  nationaler  Zeremonien,  eine
Person,  um  die  herum  sich  das  Verfassungsleben  betätigt,  und  die
handelnd  eingreift,  wenn  der  konstitutionelle  Prozeß  unterbrochen
wird,  wie  z.  B.  bei  einer  Ministerkrisis,  sondern  sie  hält  jene  Vorgänge
auch  von  der  Arena  des  politischen  Haders  entfernt  und  beschützt  sie
vorder  schmutzigen  Bewerbung  durch  reiche  Leute,  die  nach  Belohnung
für  ihre  der  Partei  geleisteten  Dienste  ausschauen.  Die  Monarchie
sichert  der  Ausführung  dieser  Zeremonien  jene  würdige  Formalität,
die  zu  ihrer  ordentlichen  Vollziehung  notwendig  ist.  Wissenschaftlich
kann  man  die  Ansicht  vertreten,  daß  diese  Funktionen,  da  sie  rein
formaler  Natur  sind  und  ihre  Ausübung  von  nichts  weiterem  als
Würde  und  Sinn  für  anständiges  und  taktvolles  Betragen  abhängt,
besser  durch  erbliche  Beamten,  als  durch  gewählte  Personen  verrichtet
werden  können.
Gegen  die  Monarchie  kann  man  sich  auch  aus  anderen  als  konstitutionellen ­
  Gründen  wenden.  Sie  ist  das  Haupt  einer  sozialen  Kaste,  mit
der  alle  ihre  Interessen  verwoben  sind.  Die  Annahme  liegt  deshalb
nahe,  daß  die  Krone  jeden  Versuch,  die  soziale  und  ökonomische  Basis
dieser  Kaste  zu  schwächen,  mit  Mißfallen  betrachten  wird.  Wohl  mag
die  Krone  ihren  politischen  Stützpunkt  im  Volke  finden,  aber  ihr  Fundament ­
  ist  in  der  Aristokratie  eingebettet.  Und  regelmäßig  zeigt  es
sich,  daß  Aristokratien,  die  mit  dem  Hofe  verknüpft  sind,  selten  bester
Art  sind.  Die  einzige  Ausnahme  hiervon  durch  viele  Generationen  englischer ­
  Geschichte  hindurch  war  die  Regierungszeit  der  Königin  Viktoria. ­
  Allerdings  war  während  ihrer  Herrschaft  das  Hofleben  praktisch
ganz  und  gar  aufgehoben.  Die  Höfe  sind  stets  der  Aufenthaltsort  der
prunkenden,  nutzlosen  Leute  der  Nation  gewesen.  In  einem  Zeitalter
wie  das  unsrige,  wo  neue,  mit  irdischen  Glücksgütern  gesegnete  Menschen
auf  tauchen,  nimmt  das  vulgäre  Gepränge,  die  Schaustellung  des  Reichtums, ­
  den  Platz  aristokratischer  Abstammung  als  Bedingung  der  Hof117 ­


            
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