Full text : Sozialismus und Regierung

12  Mac  Donald,  Sozialismus

177

eine  soziale  Funktion  erfüllen.  Der  Sozialismus  verlangt  nichts  von
alledem.  Das  Kindergebären  ist  manchmal  eine  soziale  Verrichtung
und  manchmal  nicht.  Wird  es  als  solche  betrachtet,  so  müßte  der  Staat
sicherlich  Kontrollbefugnisse  haben,  bevor  er  zu  bezahlen  hätte,  aber
das  ist  ganz  unmöglich.  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  betrachtet,
scheint  der  Vorschlag,  die  Mütter  zu  dotieren,  der  Ausbruch  eines
kranken  Individualismus  zu  sein,  der  für  einen  Mann  oder  für  eine
Frau  das  Recht  fordert,  schrankenlos  einen  selbstsüchtigen  Willen  zu
betätigen.  Ein  solcher  Vorschlag  ist  kein  Korollarium  eines  vernünftigen ­
  Planes  sozialer  Organisation,  wie  es  der  Sozialismus  ist  h
Was  mir  in  der  Frage  der  Ehescheidung  die  folgerichtigste  sozialistische ­
  Ansicht  scheint,  die  auch  der  sozialistische  Staat  vertreten
muß,  um  seine  eigene  Existenz  zu  schützen,  ist  die,  daß  eine  Ehe  von
zwei  vernünftigen  und  freien  Menschen  freiwillig  eingegangen  werden
soll  —  die  wirtschaftlichen  Bedingungen  des  Sozialismus  werden  diese
letzte  Voraussetzung  verwirklichen  —,  daß  aber  der  Staat  als  dritter
beim  Abschluß  des  Vertrages  gegenwärtig  sein  soll  und  darauf  bestehen ­
  müßte,  daß  Mann  und  Frau  ihre  Verpflichtungen  sich  selbst
und  der  Gemeinschaft  gegenüber,  die  durch  ihre  Handlungen  berührt
wird,  erfüllen.  Die  Ehe  ist  mit  anderen  Worten,  von  rein  weltlichen
Gesichtspunkten  aus  betrachtet,  eine  persönliche  Willenshandlung  mit
sozialen  Konsequenzen  und  muß  deshalb  der  sozialen  Anerkennung
unterworfen  werden,  die  sich  durch  soziale  Regeln  ausdrückt.  Die  Familie ­
  befindet  sich  teils  auf  dem  Gebiete  des  Privatrechts,  teils  auf
dem  der  öffentlichen  Verantwortlichkeit.
Die  augenblickliche  Tendenz  ist  zweifellos,  das  Eheband  zu  lockern.
Doch  dies  ist  der  Tatsache  zuzuschreiben,  daß  ein  Zug  zum  Individualismus ­
  durch  die  Lebensführung  geht,  die  erschüttert  wird,  wenn
eine  alte  soziale  Ordnung  mit  ihrem  Zwange  und  ihren  Beschränkungen ­
  zerbrochen  wird,  so  wie  heute  die  neuen  Formen  der  wirtschaftlichen ­
  Frauenarbeit  die  alten  zersprengen;  oder  wenn  alte  Gewohnheiten ­
  unter  den  Einfluß  der  Vernunft  geraten,  wie  es  jetzt  der  Fall
ist,  dank  dem  veränderten  geistigen  Standort  einer  steigenden  großen
Anzahl  von  Frauen,  oder  wenn  Reichtum  die  gesunde  Sittlichkeit
eines  Volkes  untergräbt,  wie  wir  es  gegenwärtig  in  der  wohlhabenden,
1  Vom  Momente  der  Armut,  z.  B.  der  Unterstützung  verwitweter  Mütter,  sehe
ich  oben  natürlich  ab;  es  handelt  sich  nur  um  den  Anspruch  der  Kindergebärerin
als  solcher  an  die  Gesellschaft.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.