Metadata: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

266 Zweiter Teil. Handel. XI. Geldwesen und Kapitalismus. 
der wirtschaftlichen Überlegenheit durch ihre persönliche Haltung den verletzenden 
Stachel nehmen. 
Und weiter sind jene Eigenschaften sozusagen der Institution des Privatkapitais 
selbst angeboren. Wir müssen sie in den Kauf nehmen wie bedenkliche Eigenschaften 
an einer an sich nützlichen und notwendigen Sache; wir müssen uns mit ihnen ab- 
finden, so gut es eben geht, d. h. wir müssen diese Gefahren zu vermindern trachten, 
da sie nie ganz zu beseitigen sind. 
Alle Weisheit der Zukunft wird auf die Dauer nicht darüber hinauskommen. 
In engstem Zusammenhang mit diesen Schattenseiten des Kapitalismus steht 
das, was wir heute die soziale, die Arbeiterfrage nennen. Die Ent 
wicklung des großkapitalistischen Betriebs und die wachsende Vermögens- und Ein 
kommensungleichheit ist es, die die moderne Arbeiterfrage geschaffen hat. 
Ihre Grundlagen sind die folgenden: 
Zunächst ist die Zahl der abhängigen Arbeiter außerordentlich gewachsen. In 
Industrie und Handel haben sich die in Betrieben mit über 5 Personen beschäftigten 
Arbeiter und Gehilfen allein von 1882—1895 vermehrt von 2,70 Millionen auf 4,85 
Millionen, d. h. 1882 war jeder 17. Mensch, 1895 jeder 11. Mensch in dieser Klasse.*) 
Sodann ist die Stellung des Arbeiters im Wirtschaftsleben gegen früher eine 
ganz andere geworden. Von den Arbeitern in der Landwirtschaft will ich hier ab 
sehen; hier ruht die Entwicklung auf ganz anderen Grundlagen, hier ist die Ver 
schiebung eine viel geringere. 
Vergegenwärtigen wir uns die Lage der Arbeiter in der Vergangenheit. 
Der Typus war hier der Kleinbetrieb mit seiner patriarchalischen Verfassung, 
bei der nicht nur der Lehrling, sondern auch der Gehilfe ins Hauswesen des Meisters 
aufgenommen war und der Nachwuchs nach kürzerer oder längerer Zeit Aussicht 
hatte, selbständig zu werden. Die Löhne waren gering, die Behandlung nicht fein, 
aber dennoch bestand weder eine soziale noch eine große pekuniäre Kluft zwischen 
dem Unternehmer und seinen Arbeitern. 
Dies ändert sich in dem Maß, als der großkapitalistische Betrieb eindringt und 
den Kleinbetrieb verdrängt. Die Zahl der Abhängigen beginnt in viel stärkerem Maß 
zu wachsen als die der Betriebsleiter. Denn letztere werden dezimiert, ersteren werden 
Personen zugeführt, die bisher an gewerblicher Arbeit unbeteiligt waren. Schon diese 
gegensätzliche Bewegung erschwert dem Arbeiter das Selbständigwerden; noch mehr 
aber die Steigerung der Anforderungen, die jetzt in bezug auf Kapital und Aus 
bildung an einen Betriebsleiter gestellt werden. War früher die Abhängigkeit in 
der Regel ein bloßes Durchgangsstadium für den Arbeiter, so ist sie heute ein 
dauernder Zustand. 
Erst der Großbetrieb scheidet in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehung 
den Unternehmer vom Arbeiter. Der Arbeiter ist nicht herabgedrückt, — es wird 
nur zu oft vergessen, wie sehr trotz dieser Entwicklung die Arbeitslöhne gestiegen 
sind — aber er ist des Emporsteigens beraubt und dadurch, ganz abgesehen von allen 
Besitzverschiedenheiten, von seinem Brotherrn durch eine tiefe Kluft getrennt. Gleich 
zeitig machen die patriarchalischen früheren Beziehungen zwischen Herren und 
*) Nach der Berufs- und Betriebszählung vom 12. Juni 1907 waren im Deutschen 
Reiche in I n d u st r i e einschl. Bergbau und Baugewerbe und in Handel und Verkehr 
einschl. Schank- und Gastwirtschaft als Gehilfen, Arbeiter usw. hauptberuflich beschäftigt: 
10 582 650 Personen bei einer Gesamtbevölkerung von 61 702 529; es war also jeder 6. Mensch 
in einer abhängigen industriellen, gewerblichen oder kaufmännischen Stellung. S t a t i st i s ch e s 
Jahrbuch für das Deutsche Reich. Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen 
Amte. 30. Jahrgang 1909. Berlin, Puttkammer & Mühlbrecht, 1909. S. 10. — G. M.
	        
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