Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6.  Die  Gründerzeit  der  1830  er  Jahre  rc.

267

Arbeitern,  deren  Beseitigung  schon  durch  die  Menge  der  Arbeiter  nahegelegt  ist,
allmählich  einer  Entfremdung  Platz.  Zwischen  beide  Teile  schieben  sich  Zwischenpersonen ­
  mit  eigener  Verantwortlichkeit  in  Gestalt  von  Beamten  und  Aufsehern;  es
entstehen  Geschäftsformen,  wie  die  moderne  Aktiengesellschaft,  in  denen  der  Kapitalist
in  der  denkbar  losesten  Form  den  Arbeitern  gegenübertritt.
Aber  wichtiger  als  diese  Wandelungen  ist  das:  Unsere  Arbeitermassen  haben
unter  dem  Einfluß  ihrer  Zahl  und  ihrer  Abhängigkeit  ein  eigenes  Klassen-  und
Standesbewußtsein  bekommen.  Sie  fühlen  sich  als  Macht  in  der  modernen  Volkswirtschaft ­
  und  ringen  als  solche  um  Anerkennung.  Daß  sie  in  politischer  Beziehung
durch  das  allgemeine  direkte  Reichswahlrecht  als  gleichwertig  mit  den  Reichsten
und  Intelligentesten  anerkannt  sind,  hat  ihr  Standesgefühl  und  ihre  Hoffnungen
noch  stark  gesteigert.
So  erklären  sich  die  tiefen  Interessengegensätze,  die  heute  die  Welt  bewegen
überall,  wo  es  Großbetriebe  gibt,  Gegensätze,  die  keinem  Staat  mit  gleicher  Entwicklung ­
  erspart  sind  und  nur  je  nach  den  Charaktereigenschaften  des  betreffenden
Volks  stärker  oder  schwächer  hervortreten.
Daß  sich  an  dieses  Emporstreben  der  Arbeiter  ein  förmliches  sozialistisches  Lehrgebäude ­
  anschloß,  das  den  Arbeitern  in  einer  anderen  Wirtschaftsordnung  ohne  Privatkapital ­
  und  Privatwirtschaft  ein  besseres  materielles  Dasein,  vor  allem  aber  ausschlaggebenden ­
  Einfluß  in  Aussicht  stellte,  darf  nicht  verwundern.  Die  Nationalökonomie
bis  zum  letzten  Drittel  des  vorigen  Jahrhunderts  hatte  in  verschiedenen  Schattierungen, ­
  aber  doch  immer  wieder  ein  Lehrgebäude  nur  vom  Unternehmerstandpunkt
aus  ausgebaut.
Mägen  wir  über  die  sozialistischen  Zukunftsideen  die  Achseln  zucken,  die  hämische
Kritik  alles  Bestehenden  mit  Recht  gefährlich  finden,  das  dürfen  wir  uns  doch  nicht
verhehlen,  daß  diese  Kritik,  so  abstoßend  sie  zunächst  wirkt,  doch  in  manchen  Einzelheiten ­
  nicht  fehlgreift:  wir  müssen  anerkennen,  daß  die  Zunahme  der  Abhängigkeit
und  Besitzesungleichheit,  in  die  alle  Stände  verflochten  sind,  dem  Staat  wie  den
Besitzenden  Pflichten  auferlegt,  die  früher  kaum  gekannt  waren,  deren  Erfüllung
kaum  begonnen  hat  und  unsere  ganze  Zukunft  beherrschen  wird.

6.  Die  Gründerzeit  der  1850  er  Jahre
in  ihrer  Bedeutung  für  die  Entfaltung  kapitalistischen
Wesens  in  Deutschland.
Von  Werner  Sombart.

S  o  m  b  a  r  t,  Die  deutsche  Volkswirtschaft  im  neunzehnten  Jahrhundert.  2.  Ausl.
Berlin,  Georg  Bondi,  1909.  S.  84—90.
Durch  ein  wunderbares  Zusammentreffen  fielen  in  das  eine  denkwürdige  Jahr
1848  drei  Entdeckungen,  die  bestimmt  sein  sollten,  eine  neue  Epoche  der  Weltgeschichte
einzuleiten:  die  Entdeckung  der  reichen  Goldschätze  in  den  Gebirgen  Kaliforniens  und
in  Australien,  sowie  die  Entdeckung  der  ergiebigsten  Quecksilberminen  in  Mexiko,  die
einer  entsprechenden  Hebung  der  Silberproduktion  gleichkam.
Die  gewaltigen  Mengen  von  Edelmetallen,  die  dadurch  dem  Weltmärkte  zugeführt ­
  wurden,  strömten  zunächst  nach  den  Vereinigten  Staaten  und  England  ab;
von  hier  gelangten  sie  dann  auf  dem  Wege  des  Handels  zu  uns.  Zunächst  noch,  ohne
genutzt  zu  werden.  Vielmehr  sorgte  das  Mißtrauen,  das  als  Folge  der  politischen
Wirren  der  vergangenen  Jahre  noch  in  der  Geschäftswelt  zurückgeblieben  war,  dafür,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.