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Eisenbahnen: Die Lokomotive.
Die Lokomotive vermag also jetzt bei der geringeren Fahrgeschwindigkeit einen schwereren
Zug zu befördern, was sich oben ans der allgemeinen Formel bereits ergab. Neuere Loko
motiven^) leisten bei voller Beanspruchung:
A. Lokomotiven der preußischen Staatsbahnen: 1. ff^-Schnellzuglokomotive
(90 Ina/St. Abb. 164 bis 169) a) Zwilling (Heizfläche 118 qm) 700 Pferdestärken; b) Verbund
(Heizfläche 118 qm) 820 Pferdestärken. 2. "/g-Güterzuglokomotive (40 km/@t.) a) Zwilling
(Heizfläche 124 qm) 500 Pferdestärken; b) Verbund (Heizfläche 116 qm) 560 Pferdestärken.
3. ^--Verbund-Güterzuglokomotive (40 km/St., Heizfläche 144 qm, Abb. 170) 700 Pferde
stärken. 4. -Nebenbahn-Tenderlokouiotive (Heizfläche 60 qm) bei 40 km/St. 250 Pferde
stärken. — B. Ausländische Lokomotiven: 1. - Verbund - Schnellznglokomotive der
französischen Nordbahn (4 Dampfcylindcr, Heizfläche 175^2 qm) bei 90 krn/St. 1200 Pferde
stärken. 2. °/t-Verbund-Schnellznglokomotive der Jnra-Simplonbahn (Schweiz) (3 Cylinder,
Heizfläche 140,3 qm) bei 50 km/St. 1000 Pferdestärken. 3. ffz-Verbuud-Schnellzuglokoinotive der
Gotthardbahn (Abb. 223, 4 Cylinder, Heizfläche 165 qm) bei 90 km/St. 1200 Pferdestärken.
4. b/z-Berbund-Schnellzuglokomotive der österreichischen Staatsbahn (Abb. 225, 2 Cylinder,
Heizfläche 207,g qm) bei 65 km/St. 1300 Pferdestärken. 5. ffz-Verbund-Schnellzuglokomotive
der Philadelphia und Readingbahn (Abb. 224, 4 Cylinder, Heizfläche 171 qm) bei 100 km/St.
1300 Pferdestärken. 6. ^/g-Berbuud-Güterzuglokomotive der Northern-Pacificbahn (Amerika)
(2 cylindrig, Heizfläche 274 qm) bei 26 km/St. 1200 Pferdestärken.
Aus vorstehender Zusammenstellung erkennt man, wie leistungsfähig, namentlich im
Auslande, die heutigen Lokomotiven sind.
Der Lokomotivkessel. Der Kessel, von dem Abb. 165 einen Längsschnitt durch
die Mitte gibt, besteht in der Hauptsache aus einem cylindrischen, von einem Bündel
enger Röhren — Heiz-, Feuer- oder Siederöhren genannt — durchzogenen Vorderteil,
dem Langkessel, und einem kistenartigen hinteren Teile, der Feuerkiste. Diese enthält
im Inneren eine ähnlich gestaltete, unten offene Feuerbüchse mit dem Rost, unter den
der Aschenkasten gehängt ist. Liegen alle Räder vor der Feuerkiste, wie in der Regel
bei den Güterzuglokomotiven, so liegt auch der Rost gewöhnlich wagerecht. Ist ein
Räderpaar unterhalb der Feuerbüchse angeordnet, was der Lastverteilung und des ruhigen
Ganges wegen bei den Schnellzuglokomotiven (Abb. 165) und manchen anderen üblich
ist, so muß der Rost geneigt liegend eingebaut werden, falls man nicht dem Kessel eine
besonders hohe Lage giebt, wie dies bei neueren amerikanischen Lokomotiven der Fall
ist (Abb. 224 u. 228), deren Kessel dann nach Abb. 173 auch eine wagerecht begrenzte
Feuerkiste erhalten kann. An das vordere Ende des Langkessels ist die durch eine Thür
verschließbare Rauchkammer mit dem Schornstein angeschlossen. In sie münden die
Heizröhren sowie die Ausströmungsrohre des in oen Cylindern verbrauchten Dampfes.
Unten ist sie gewöhnlich mit einem besonderen Aschenfallrohr (mit Deckelverschluß)
versehen (vergl. Abb. 165). Oberhalb der Heizrohrmündungen ist ein Drahtsieb oder
eine durchlöcherte Blechtafel (Funkenfänger) gelegt, um das Aussprühen von Funken
durch den Schornstein zu mildern. Gar oftmals sind durch den Funkenauswurf Brand
schäden, namentlich in Wald- und Heidegegenden entstanden, für die dann die be
treffende Bahnverwaltung Entschädigung zu zahlen hat. Je schwerer eine Lokomotive
arbeitet, desto mehr uuverbrannte Kohlenteilchen (Flugasche) werden durch die Heizröhren
hindurchgerissen. Sie sammeln sich unten in der Rauchkammer an und können beim
Stillstand der Lokomotive leicht durch das Aschenfallrohr entfernt werden. Seit einigen
Jahren wird nach amerikanischem Vorbilde die Rauchkammer wesentlich länger als sonst
üblich war, gemacht, namentlich bei denjenigen Lokomotiven, die lange Strecken zu durch
fahren haben (vergl. Abb. 225). Dadurch wird der Funkenauswurf und das Verstopfen
der unteren Siederöhren gemildert.
Die Ausströmungsrohre der Dampfcylinder tragen oben in der Rauchkammer ein
gemeinsames, nach oben hin trichterförmig verengtes Mundstück, das Blasrohr. Dieser
an sich so einfache Rohrstutzen ist für den Lokomotivbetrieb von besonderer Wichtigkeit,
er ist die Lunge der Lokomotive. Infolge der Verengung der Ausströmung erhält der
in den Schornstein entweichende Auspuffdampf eine größere Spannung, so daß er mit
*) 1) Man pflegt die Gesamtzahl der Radachsen als Nenner, die der gekuppelten Achsen als
Zähler eines echten Bruches auszudrücken. "/^-Lokomotive bedeutet also, daß von den vor
handenen 4 Radachsen 2 gekuppelt sind. 2) Über Vcrbundlokomotiven vergl. näheres auf S. 219.