124
Vor einigen Jahren wurde in der russischen Fachpresse noch
eine andere Möglichkeit der Eisenerzversorgung des Südens ziemlich
lebhaft erörtert. Man plante damals, für die Versorgung der südlichen
Hütten die Uralschen Eisenerze heranzuziehen. Der Plan beruhte
auf der Voraussetzung, daß der Süden Steinkohle in hohem
Maße besitzt und verhältnismäßig wenig Eisenerze, der Ural dagegen
eine kolossale Menge guter Eisenerze und keine für die Verhüttung
nötigen Steinkohlenlager. Man wollte eine Art Austausch von Rohstoffen
ermöglichen, so daß der Ural sein Eisenerz, der Süden seinen
Koks dem anderen Gebiete liefert.
Als Verbindungsweg kam nach verschiedenen Rechnungen die
direkte Eisenbahnverbindung in Betracht, oder die gemischte (teilweise
mittels der Wolga — von Samara bis Zarizyn) 1 . Die Verhüttung
der Uralschen Eisenerze mußte nach dieser Berechnung für
den Süden im Vergleich mit der Verwendung der Krivoj-Rog-Eisenerze
bloß eine Mehrausgabe von etwa 3 1 /^—4 Kop. pro Pud verursachen,
eine Mehrausgabe, die durch die Verteuerung der Krivoj-Rog-Eisenerze
auch zu Null werden könnte.
Der ganze Plan aber scheint uns ziemlich künstlich zu sein.
Man ging bei der Kostenberechnung von der Voraussetzung aus, daß
der gegenwärtige Preis der Uralschen Risenerze etwa 1 1 / 2 —2 Kop.
pro Pud kostet. Das hängt aber ganz und gar von dem auf ein
enges Gebiet begrenzten Absatz dieser Erze ab, die überhaupt nur
von den Uralschen Hütten verwendet werden. Bei der Steigerung
der Nachfrage seitens des Südens werden selbstverständlich auch die
Preise der Uralschen Eisenerze eine bedeutende Steigerung erfahren,
was die ganze Rechnung in Verwirrung bringen würde.
Es kommen aber auch andere Bedenken dazu. Man ging von
der Tatsache aus, daß zwischen beiden Bezirken eine Art von Gegenleistung
entstehen wird. Schon Brandt bemerkte darüber mit vollem
Recht, daß, wenn der Süden aus diesem Austausche auch Nutzen
ziehen könnte, doch das für den Ural gar nicht der Fall sei 1 2 . Speziell
für den Ural kommen noch einige andere Möglichkeiten in Betracht,
wie z. B. das Beziehen des sibirischen Kokses, was für ihn bedeutend
vorteilhafter wäre.
Man könnte über den Plan in dem Falle ernstlich sprechen,
wenn man nämlich das Uralgebiet nur als Eisenerzlager betrachten
würde und die Möglichkeit seiner selbständigen Eisenindustrie verneinte.
Diese Möglichkeit scheint uns aber der Wirklichkeit nicht
zu entsprechen. Im Zusammenhänge mit dieser Frage sind wir nun
zur Betrachtung der Konkurrenzfähigkeit und der Entwickluugsaussichten
der Uralschen Eisenindustrie gekommen.
1 Man wollte für die Werke des Südens die großen Eisenerzlager des südlichen
Urals — die Berge Blagodati und Bakal in Anspruch nehmen.
2 Brandt, S. 147.