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ohne das vermittelnde Verfahren ausgeführt worden wäre.
Der mit der Regierung abgeschlossene, ganz und gar von
den Bankiers unter Morgans Leitung diktierte Kontrakt gab
dem Syndikat fernerhin das Anrecht auf alle Obligationen-
ausgaben bis zum nächsten ı. Oktober und gestattete ihm,
die Zeit zur Ablieferung der Hälfte der Gesamtsumme in
Gold selbst zu wählen.
Von allen Seiten kamen”die schärfsten Anklagen gegen
Cleveland einerseits und Morgan andererseits. Selbst Zei-
tungen von der Partei Clevelands, die ihn regelmäßig unter-
stützten, verurteilten den Handel als skandalös und er-
klärten, daß die Regierung schamlos „durch Bauernfängerei‘“
ausgeplündert worden sei, wenn nicht in Wirklichkeit eine
noch schlimmere Beschuldigung gegen ihre höchste Exe-
kutivgewalt vorgebracht werden könne?). Seine eigene poli-
tische Partei sagte sich von Cleveland los. Aber wie gleich-
gültig die großen Magnaten auf Stürme der Kritik herab-
sahen, davon gewinnen wir einen bezeichnenden Einblick
durch die Tatsache, daß Morgan den gegen seine Handlungen
1) Kaum war der Reservefonds an Gold durch diese Obligationenausgabe von
62 Millionen Dollar erlangt worden, so wurde er durch die Bankiers schnell wieder
geleert. Gegen Ende des Jahres 1895 verbreiteten sich düstere Gerüchte, daß eine
neue Obligationenausgabe im Gange sei. Diese Gerüchte wurden durch den Erlaß
eines privaten Zirkulars von J. Pierpont Morgan & Co. bestätigt, das ihre Absicht
kundtat, ein Syndikat zu bilden, um eine erwartete weitere Ausgabe von 200 Millio-
nen Dollar Regierungsobligationen zu übernehmen. Morgan und seine Teilhaber
sahen einen Gewinn von 20 Millionen Dollar voraus. Augenscheinlich wußte Morgan
genau, wieviel die Regierung aufzunehmen beabsichtigte; als die Regierung ihren
Aufruf erließ, entsprachen die Bedingungen denen des Zirkulars, das Morgan eine
Woche vorher ausgegeben hatte. Es folgte eine so allgemeine Empörung, daß Cleve-
land und sein Kabinett gezwungen waren, das Morgan-Syndikat preiszugeben und
die neue Anleihe mit einer Ersparnis von 20 Millionen Dollar für den Staatsschatz
auf den allgemeinen Markt zu bringen.
Es braucht als typische und denkwürdige Tatsache kaum erwähnt zu werden,
daß Morgan in seiner amtlichen Korrespondenz und in seinen öffentlichen Be-
kanntmachungen sich als angetrieben durch „patriotische Erwägungen“ und durch
den Wunsch, „den besten Interessen der Regierung und des Volkes‘“ zu dienen,
darstellte, Ein Wallstreet-Makler bezeichnete dies in einer öffentlichen Bekannt-
Machung zynisch als „bestrickenden und einträglichen Patriotismus‘. Als Morgan
die neue 200-Millionen-Dollar-Anleihe in seine Gewalt zu bekommen suchte, fragte
ihn ein befreundeter Bankier, ob er nicht einige Details über die Pläne des Syndikats
erfahren könne, ehe er sich beteiligte. „Kann Ihnen nichts Näheres mitteilen‘, soll
Morgan geantwortet haben. „Wenn Sie Geld machen wollen und das Gold haben,
beteiligen Sie sich. Wenn nicht, au revoir.“