erotische Moment mit unmittelbarer Macht hervorbricht und der aus
dem Motive der Verherrlichung der Geschlechtsliebe und des relig1ösverklärten
Familienprinzips zu einer Verwerfung des Christentums
gelangt. Gleichzeitig entsteht unter den Freunden WI. Solowjews an
der Moskauer Universität — hierher gehören hauptsächlich die vorher
schon erwähnten Philosophen Leo Lopatin und Sergins Trubetzkoi,
sowie der Bruder des letzteren, Eugen Trubetzkoi — die grundlegende
Schule der russischen Philosophie, deren Hauptaufgabe es ist, den
Positivismus zu überwinden und eine wissenschaftliche Metaphysik
aufzubauen. Zugleich entsteht, teilweise unter dem Einflusse von WI.
Solowjenm — eine mystisch-symbolische Schule russischer Dichter —
Mereschkowsky, A. Block, A. Bjely, W. Iwanow und andere, einige von
denen auch religionsphilosophisch bedeutend sind. Trotzdem in den
breiteren Schichten der russischen Gesellschaft unter dem Einfluß
von radikalen und sozialistischen Ideen, der Materialismus oder der
Positivismus sich immer weiter verbreitete, bewahrt die Elite der
russischen „Intelligenz“ bis jetzt die geistige Richtung, die von Solowjew
anfängt. Diese Richtung ist jetzt von den bedeutendsten TUSSIschen
Denkern, wie Berdjajew, Bulgakow, Florensky, Karsawin u. a.
vertreten. Einige von ihnen waren einst selbst Anhänger des marxistischen
Sozialismus gewesen und sind dann, durch die Vermittlung des
philosophischen Idealismus, zur religiösen Metaphysik gelangt. Eben
der tiefe geistige Umschwung, der mit Solowjew beginnt und insbesondere
vom Anfang des 20. Jahrhunderts die meisten originellen
russischen Denker ergriffen hat, wird jetzt, unter dem erschütternden
Eindrucke der nationalen Katastrophe, die ihrem letzten geistigen
Wesen nach als vom Nihilismus und Atheismus verursacht empfunden
wird, — mit unerhörter Schmerzenstiefe erlebt und führt unmittelbar
zur weiteren Bereicherung und Vertiefung der religiösen Lebens- und
Kulturauffassung.
Aber von einem weiteren Gesichtspunkte aus geschaut, darf man
sagen, daß auch der vom Westen importierte und in den letzten Dezennien
so stark über die russischen Gemüter herrschende Sozialismus,
als Religion empfunden, selber in dem Sinne typisch national war,
daß er, trotz seiner materialistischen Flachheit, eine Denkweise ist,
in der sich die ganze Welt-. und Lebensanschauung im Problem des
Menschheitsschicksals, im Gebiete des Sozial- und Geschichtsphilosophischen
konzentriert. Wie weit die einzelnen Lehren auch auseinandergehen,
wie groß auch die Distanz ist, dem Werte und Gehalt nach,
zwischen den tiefen Intuitionen der großen russischen Denker und
den Banalitäten einer auf Durchschnittsmenschen zugerechneten Weltanschauung,
wie es der materialistische Sozialismus ist — sie haben
doch das typisch-nationale gemeinsam, daß überall hier die Lösung
der letzten metaphvysischen Fragen irgendwie im Zusammenhange mit
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