Contents: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Der Appetit kommt bekanntlich beim Essen, und da die 
ireien Gewerkschaften noch keinen Fuß in der Unfallver- 
sicherung fassen konnten, hat Franz Spliedt vorgze- 
schlagen, drei große Reichsanstalten zu Schaffen, die Ar- 
beitslosenversicherung, die Invaliden- und Hinterbliebenen- 
versicherung, die verwaltungsmäßig zugleich die Renten- 
versorgung der Kriegsinvaliden und Kriegshinterbliebenen 
lurchzuführen hätte, und schließlich die Krankenversiche- 
rung, die zugleich Organ zur Durchführung der Unfallver- 
sicherung werden soll! 
Das Bild wäre unvollständig, wollte man unerwähnt 
lassen, daß insbesondere die freien Gewerkschaften alias 
Sozialdemokratie bei der Besetzung der 70000 Beamteu- 
und Angestelltenstellen, die in der Sozialversicherung und 
den damit zusammenhängenden Organen zu vergeben sind, 
eine Aemterpatronage allerersten Stiles betreiben. Wie 
sich das in praxi auswirkt, hat Robert Michels in 
seiner „Soziologie des Parteiwesens‘“ folgendermaßen be- 
schrieben: ; 
„Die Sozialdemokratische Partei wirkt mit ihren Ehren- 
stellen, die fast sämtlich Brotstellen sind, unzweifelhaft als 
sin mächtiger Sporn auf strebsame junge Genossen aus 
dem Arbeiterstande von dem ersten Tage ihrer Werbung 
an. Die politisch regen Elemente, und ebenso alle schrift- 
stellerischen und oratorischen Talente aus dem Arbeiter- 
stande können sich. der magnetischen Anziehungskraft 
ainer Partei nicht entziehen, in derem Schoße sie ein so 
reiches Feld der Betätigung und Entfaltung ihrer Gaben 
ünden. Deshalb kann es von logischer Warte nicht be- 
stritten werden, was bereits 1894 Guglielmo Ferrero, 
der, wie wir wissen, der deutschen Arbeiterpartei in ihrem 
Wollen feurigster Lobredner war, treffend bemerkte, daß 
nämlich, ein gewisses Quantum von Fähigkeiten und 
Glücksfällen natürlich vorausgesetzt, die Zugehörigkeit zur 
Sozialdemokratie dem Ursprungsproletarier nicht nur aus 
ideellen, idealen und klassenegoistischen Gründen erstre- 
benswert und gewinnbringend erscheinen kann, sondern 
auch aus Motiven; einer großangelegten Spekulation des 
Egoismus. In der Mat: für einen intelligenten Arbeiter zibt 
es kaum einen schnelleren Weg, sich dauernd „zu ver- 
bessern“, als wenn er sich in Diensten der Sozialdemokratie 
anwerben läßt.“ 
Aber diese Vorherrschaft hat eine politisch und wirt- 
schaftlich noch verhängnisvoliere Tatsache zur Folge, und 
las ist der Umstand, daß, wie Michels an anderer Stelle 
bemerkt, die Verwaltung eines so großen Kapitals (in der 
Sozialversicherung 1929 fast 6 Milliarden Einnahmen und 
nahezu 4 Milliarden Vermögen), zumal es sich um der Kol- 
lektivität gehörige Gelder handelt, den Verwaltern min- 
destens die gleiche Quantität Macht übermittelt wie der Be- 
sitz. eigenen Kapitals. Man sollte daher meinen, daß die 
Regierung einer demokratischen Macht alles täte, um solche 
Minderheitsherrschaften, die nur zu einer sozialen Zer- 
klüftung führen können, zu verhindern. Nichts davon. Im 
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