fullscreen: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

462 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [1920 
Einbußen an Zahl und Einkommen erlitten, hat sich im ganzen aber unverändert bis 
heute erhalten, während er in England verschwand, in Rußland heute in schwerer Be— 
drängnis lebt, in Irland, Belgien, großen Teilen Englands und der romanischen Länder 
durch Pächter ersetzt ist, die teils noch einen Mittelftand, teils schon ein ländliches Prole— 
tariat darstellen. Selbst im Land der Millionäre, den Vereinigten Staaten, stieg die 
Zahl der Farmen 1860—1900 von 1,4 auf 5,7 Mill.; 1850 kam eine Farm ausf 16, 
1900 auf 13 Personen; der Prozentanteil der Farmen von 10 — 100 Acres, also der 
kleinen, machte 1880 531,60/0, 1900 52,88/0 aller Farmen aus, wozu 42,8 und 39,20/0 
mit 100-500 Acres (also Mittelfarmen) kamen. In den nordöstlichen, Central⸗ und 
Weststaaten sind 71 -740/0 aller Farmen, in der ganzen Union 63,70/0 durch Eigen⸗ 
tümer bewirtschaftet. Diese relativ günstige Landverteilung und Bewirtschaftung ist 
doch wohl Folge der Reformbewegung, welche die plutokratischen Landverleihungen und 
Bodenspekulationen durch die Heimstättengesetze bekämpfen wollte. Das heißt: überall 
hängt die Erhaltung des ländlichen Mittelstandes mehr von nationaler Eigentümlichkeit 
und Agrarverfafsung als von den allgemeinen wirtschaftlichen Bewegungen und Ursachen 
der Neuzeit überhaupt ab. 
Der Handwerker- und Kleinhändlerstand hat in Deutschland und manchen anderen 
europäischen Ländern von 1700 -1840 an Zahl und Wohlstand bedeutend zugenommen, 
allerdings da am meisten, wo ein bevormundender Beamtenstaat die Mißbräuche des 
Zunftwesens beschnitt, das Kleingewerbe aber förderte, und wo zugleich die moderne 
Großindustrie noch nicht gesiegt hatte. Von 1840 -1880 begann die letztere das Hand⸗ 
werk zu bedrängen, von 1880 — 1900 es zu verdrängen. Aber noch sind die kleinen 
Geschäfte absolut etwa so zahlreich wie 1830; die, moderne Technik und moderne Ge— 
schäftsgewohnheiten annehmenden, Mittelbetriebe erhalten sich und nehmen sogar zu; 
selbst der Socialdemokrat Bernstein giebt dies zu und weist es für England und die 
Vereinigten Staaten nicht minder als für Deutschland nach; er sagt: die Bevölkerung 
Deutschlands nahm 1882-1895 um 13,5 040 zu, die kleinen Mitielbetriebe (mit 6—10 
Personen) um 66,60/0, die großen Mittelbetriebe um 81,80/0. Und dazu kommt nun 
die außerordentlich starke Zunahme des höheren Verwaltungspersonals in den mittleren 
und größeren Betrieben (18821895 in Deutschland über 1000/0), der liberalen Be— 
rufe, des Staats- und Gemeindedienstes u. s. w.; in mancher Kleinstadt sind heute 
so viel oder mehr Schul- und Gymnasiallehrer, Postbeamte, Ärzte, Gemeindebeamte, 
als früher Handwerksmeister. Wenn all' das nicht wäre, hätte Fr. J. Neumann nicht 
für Preußen berechnen können, daß zu den Haushalten mit 900 1500 Mtk. Einkommen 
1852-1854 6,900, 1888 - 1900 13, 80/0, zu solchen mit 900 3000 Mk. in denselben 
Zeitpunkten 9,9 und 18,40/0 aller Haushalte gehörten; hätte nicht dieselbe Ein— 
kommensstufe (900 — 8000) 1893 — 1802 von 2,1 auf 8,3 Mill. Censiten in Preußen 
steigen können, wie wir sahen. Und wir dürfen dabei nie vergessen, wie viele Tausende von 
Familien über 900 Mk. Einkommen haben und doch nicht zur Steuer herangezogen 
werden, und welch' erhebliche Zahl der Censiten sogenannte Einzelsteuernde, nicht Haus— 
haltungsvorstände sind und den Umfang dieser untersten Stufe vermehren. Wo die Steuer— 
pflicht wie in Sachsen viel tiefer (bis 8300 Mk. statt 900 Mek.) herabgeht, ist diese Zahl 
natürlich noch sehr viel größer. 
Die Zahl der Armen und Dürftigen hat in den Kulturländern von 1700 — 1900 
zeitweise sehr zugenommen; wir führten (II S. 324, 325) die Zahlen der Armenstatistik 
an, konstatierten aber auch, daß die schlimmsten Zeiten wohl 1780 — 1880 waren. In 
diese Epoche fällt das Siechtum der Hausindustrie, in einzelnen Ländern wie England 
der volle Untergang des alten Bauernstandes, fällt für die ganzen unteren Klaffen der 
stärkste Lohndruck und der schwierige Übergang zur Geldwirtschaft. Damals konnte man wohl 
sagen, daß die Armen immer ärmer werden. Heute ist es ein grober Anachronismus. 
Auch die Zahl der Personen mit kleinstem Einkommen nimmt ab. Wie in Sachsen die 
Zahl der Einkommen unter 800 Mk. 1879 — 1894 von 76,8 auf 65.30/0 herabging, so 
berechnet man für Preußen die Abnahme der kleinen Einkommen 1850 — 1892 unter 
300 Mk. von 88,9 auf 79.2 0/0 der Bevölkerung. In beiden Fällen wäre die Zahl
	        
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