Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

84

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Arbeitsteilung  und  den  Güteraustausch  gegründete  Gesellschaft  setzt
natürlich  voraus,  daß  nichts  umsonst  gegeben  wird,  und  daß  niemand
mit  Verlust  arbeitet,  denn  sonst  würden  die  Einen  die  Opfer  der
Anderen  sein *  1 ).  Wenn  aber  jeder  auf  gut  Glück  produziert,  wie  kann
man  dann  vermeiden,  daß  in  jedem  Augenblick  die  Produktion  entweder ­
  größer  oder  kleiner  als  die  effektive  Nachfrage  sei?
Um  dies  zu  verstehen,  muß  man  sich  dieTPreistheorie  A.  Smixh’s^
ins  Gedächtnis  rufen.
Im  vorhergehenden  Kapitel  haben  wir  gesehen,  daß  schon  1776
Condillac  eine  Theorie  des  Wertes  aufgestellt  hatte,  die  der  der
Physiokraten  bedeutend  überlegen  war.  Im  selben  Jahre  (1776)  erschien ­
  aber  gerade  das  Werk  Smith’s.  Er  hat  wahrscheinlich
niemals  Kenntnis  von  den  Ideen  Condillac’s  gehabt  und  konnte  sie
daher  nicht  diskutieren.  Auf  der  anderen  Seite  aber  stellte  der
durchschlagende  Erfolg  des  „Wealth  of  Nations“  das  Werk  des
französischen  Philosophen  für  lange  Zeit  in  den  Schatten.  Während
langer  Zeit  sollte  daher  die  Theorie  A.  Smith’s  triumphieren.  Obgleich ­
  sie  der  Condillac’s  gegenüber  minderwertig  ist,  hat  sie  in  der
Folgezeit  den  Untersuchungen  der  Nationalökonomen,  besonders  denen
der  englischen  Ökonomisten,  deren  Einfluß  während  der  ersten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  vorherrschend  war,  zugrunde  gelegen.  Erst
nach  der  Veröffentlichung  der  Werke  von  Walbas,  Jevons  und
Menger  ist  sie  verworfen  worden;  sie  besitzt  daher  ein  wirkliches
geschichtliches  Interesse,  das  um  so  größer  ist,  weil  sie  das  eigentümliche ­
  Schicksal  hatte,  zur  gleichen  Zeit  den  Lehren  der  Sozialisten
und  denen  der  liberalen  Nationalökonomen  als  Stützpunkt  zu  dienen.
Es  ist  das  Los  von  Schriftstellern  wie  A.  Smith,  die  sich  mehr  durch
Reichtum  als  durch  logische  Zusammenfassung  der  Ideen  auszeichnen,
in  dieser  Weise  die  Meinungen  in  verschiedene  und  sogar  entgegenNachfrager ­
  oder  Kauflustige  und  ihre  Nachfrage  die  wirksame  Nachfrage  nennen  .  .  .
Sie  ist  verschieden  von  der  allgemeinen  (absoluten)  Nachfrage.  Von  einem  ganz
armen  Manne  läßt  sich  in  diesem  Sinne  sagen,  er  habe  ein  Verlangen  nach  einem
Sechsspänner:  er  möchte  ihn  gern  haben;  aber  sein  Begehren  ist  keine  wirksame
Nachfrage,  weil  die  Ware  niemals  zur  Befriedigung  desselben  zu  Markte  gebracht
werden  kann.“
l )  Smith  nimmt  in  diesem  Falle  an,  daß  entweder  der  Verbraucher,  oder  der
Produzent  bedrückt  wird.  Wenn  irgendwo  der  Gewinn  den  normalen  Zinsfuß
übersteigt,  so  ist  das,  sagt  er:  „ein  Zeichen,  daß  etwas  entweder  wohlfeiler  gekauft
oder  teurer  verkauft  wird,  als  es  gekauft  oder  verkauft  werden  sollte,  und  daß  die
eine  oder  die  andere  Klasse  von  Bürgern  mehr  oder  weniger  gedrückt  wird,  indem
sie  entweder  mehr  bezahlt  oder  weniger  gewinnt,  als  sich  mit  der  Gleichheit,  die
unter  allen  Klassen  stattfinden  sollte,  verträgt“  (II,  S.  124,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  3).
So  erscheint  A.  Smith  die  Gleichheit  des  Preises  mit  den  Produktionskosten  nicht
nur  als  eine  Tatsache,  sondern  auch  in  Übereinstimmung  mit  der  Gerechtigkeit.  Man
kann  sagen,  daß  in  seinen  Augen  diese  Gleichheit  den  „gerechten  Preis“  darstellt.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.