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Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Bibliographic data

fullscreen: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

Monograph

Identifikator:
891221816
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-76666
Document type:
Monograph
Author:
Neurath, Otto http://d-nb.info/gnd/118587420
Title:
Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
Place of publication:
München
Publisher:
Verlag von Georg D. W. Callwey
Year of publication:
1919
Scope:
1 Online-Ressource (231 Seiten)
Collection:
Economics Books
Usage license:
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Contents

Table of contents

  • Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
  • Title page
  • Contents

Full text

43 
daß die Volkswirtschaftslehre der neuesten Zeit vom sogenannten englischen 
Liberalismus ausging, der die Anschauung vertrat, die Menschen würden am 
meisten produzieren und konsumieren können, wenn es keine Zollschranken, 
keine Beschränkungen im Inlande, wie sie zum Beispiel das Gewerberecht 
enthält, geben würde. Dieser Anschauungsweise waren nur jene Probleme 
geläufig, welche sich mit der freien Konkurrenz beschäftigten. Der Krieg war 
für sie bloß eine Störung der Produktion und Konsumtion. Die Frage, ob ein 
Volk durch einen Krieg nicht reicher werden könnte, wurde kaum berührt. 
Die theoretische Volkswirtschaftslehre der Folgezeit hat zwar diese Grund 
gedanken mehrfach verworfen, aber dem Kriege dennoch keine Aufmerksamkeit 
geschenkt. Nur einzelne Denker haben sich mit kriegswirtschaftlichen Fragen 
beschäftigt, so zum Beispiel Lowe im Zeitalter der napoleonischen Kriege. 
Im letzten Jahrzehnt waren es vor allem praktische Gründe, welche zu kriegs 
wirtschaftlichen Untersuchungen drängten. Die Rüstungen wuchsen überaus 
rasch an. Die Völker litten erheblich Unter dem Rüstungsdruck, die Verwick 
lung des Geld- und Kreditwesens war so fortgeschritten, daß die Erschütterungen 
eines großen Krieges mit steigender Sorge gefürchtet wurden. Insbesondere 
die Marokkokrise hat in Deutschland, aber auch in anderen Staaten, zu kriegs 
wirtschaftlichen Schriften Veranlassung gegeben. Dazu kam noch, daß auf 
Seiten der Friedensfreunde die Wirkungen des Krieges und der Rüstungen 
auf den Wohlstand immer gründlicher untersucht wurden. Alle diese Bestre 
bungen verdichten sich mehr und mehr zu geordneter Tätigkeit. 
Es ist zwar heute noch vielfach die Beschäftigung mit dem Kriege eine 
Sache der persönlichen Zu- oder Abneigung. Die meisten von denen, die sich 
über den Krieg in irgend einer Richtung äußern, treten entweder für ihn auf 
oder bekämpfen ihn. Dies Verhalten ist vielen Wissenschaften in ihrem An 
fangszustand eigen, wenn aber die Erörterungen weiter fortschreiten, merkt 
man allmählich, daß es eine ganze Gruppe von Problemen gibt, deren Lösung 
unabhängig von unserem Gefallen oder Mißfallen ist. Der 
Friedensfreund und der Kriegsfreund können sie völlig gleichartig beantworten, 
um dann im weiteren Verlauf, wenn ihre Wünsche zum Ausdruck kommen, die 
tatsächlichen Verhältnisse, wie sie die objektive Wissenschaft feststellt, zu 
verwenden. Die Kriegswirtschaftslehre ist eine Wissenschaft, wie die Ballistik, 
die ebenfalls unabhängig davon ist, ob man für oder gegen die Verwendung von 
Kanonen eintritt. 
Die Kriegswirtschaftslehre besitzt bis jetzt keine Überlieferung. 
Die im Laufe der Zeit erworbenen Erfahrungen gehen daher fast gänzlich ver 
loren. Nach großen Kriegen, so nach dem Siebenjährigen Krieg, wurde in der 
Literatur diesem Gebiete einige Aufmerksamkeit geschenkt. Dann vergaß man 
all diese Probleme. Im Zeitalter der Napoleonischen Kriege wendet man 
wieder kriegswirtschaftlichen Fragen, durch die Praxis angeregt, das Augen 
merk zu. Aber im allgemeinen findet man in der Literatur dieser Zeit kaum 
einen Nachhall von den Ergebnissen, welche die vorhergehende Forschungs 
periode gezeitigt hatte. Ähnlich steht es mit den Kriegsperioden der Folgezeit. 
So hat man z. B. nach dem Jahre i870/71 eine Reihe kriegswirtsöhaftlicher 
Arbeiten veröffentlicht, insbesondere wurde ziemlich viel über die französische 
Kriegsentschädigung geschrieben. Aber auch dieser Literatur fehlte die Kraft, 
eine wirkliche Überlieferung zu erzeugen. Erst zu Anfang des XX. Jahrhunderts 
beginnt sich eine Tradition herauszubilden. Freilich ist das Versäumte nur 
schwer nachzuholen. Man findet denn aUch ältere kriegswirtschaftliche Literatur 
auffallend selten erwähnt, ältere Kriege auffallend selten berücksichtigt. Es 
wird wohl noch eine lange Reihe von Jahren dauern, bis man die Kriegswirt 
schaftslehre derart gesichert hat, daß sie eine Tradition besitzt, welche nicht 
mehr abreißt. Es wird dazu die Schaffung eigener Organisationen nötig werden, 
welche die kriegswirtschaftliche Forschung zu fördern hätten. 
Die Entwicklung der Kriegswirtschaftslehre als Sonderdisziplin wird vor 
allem dazu führen, eine geschlossene Theorie mit zweckmäßig gestalteten Be 
griffen zu schaffen. Es werden sich allgemeine Vorstellungen entwickeln, 
deren Ausbildung dann Aufgabe weiterer Arbeit sein wird. Diese allgemeinen 
Vorstellungen sind einerseits an sich reizvoll, sie befriedigen unser Streben
	        

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Das Ich Und Der Staat. Verlag Quelle & Meyer, 1926.
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