Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

190 Bildende Kunst. 
Ziele neuer Formen angelangt ist? Die Voraussetzung einer 
allgemeinen Kunst dieser Art würde allerdings nur eine große 
ethische, metaphysische, religiösse Bewegung bilden können — 
— und wer kann trotz mancher günstiger Vorzeichen sagen, ob und 
wann eine solche einzutreten vermöchte? Wohl aber hat es — 
eines der vielen Zeichen dafür, daß unser Volk der modernen Zeit 
in stärkerem Zusammenhang mit dem Alten folgt, als andere 
Nationen — in deutschen Landen schon früh einen Maler ge— 
geben, der auf eigene Faust, unmittelbar aus der Lehre eines 
fortgeschrittenen Impressionismus heraus, dem höchsten Ideale 
einer solchen Ideenkunst, dem religiösen, zustrebte. Es ist 
Fritz von Uhde. 
Uhde ist 1848 geboren, war bis zum Jahre 1877 Reiter⸗ 
offizier und gab erst dann dem angeborenen Triebe zum Malen 
auch in der Wahl des Berufes nach. Er schwelgte im Kolorit 
Makarts, lernte die Pariser Impressionisten mehr der physio— 
logischen als der psychologischen Richtung kennen und fand 
dann erst, wie Liebermann, in Israels seinen Meister. So 
malte er zunächst ganz naturalistisch; seine „Näherinnen“ und 
sein „Leierkastenmann“ waren neben Liebermanns Bildern mit 
die ersten, welche den vollen Impressionismus in Deutschland 
einleiteten. 
Allein schon wenige Jahre später, 1884, ist Uhde der 
religiösen Kunst zugewandt; damals wurde das Bild „Lasset 
die Kindlein zu mir kommen“ fertig, dann folgten „Komm, 
Herr Jesus, sei unser Gast‘, der „Gang nach Emmaus“, das 
„Abendmahl“, die „Bergpredigt“, die „Heilige Nacht“ und 
anderes: mit immer größerer Inbrunst versenkte sich der Meister 
in die Geheimnisse des Glaubens. 
Und die Art, wie er das malerisch that, war die, welche 
die große Kunst immer und immer wieder angewandt hat. 
Wie Dürers „Marienleben“ in dem deutschen Bürgerhause des 
16. Jahrhunderts spielt und Rembrandts „Apostel“ der Be—⸗ 
völkerung der Jodenhouttuine Amsterdams entnommen scheinen, 
so entstammen Uhdes biblische Gestalten der Gegenwart, nur 
mit denselben Zugeständnissen an den geschichtlichen Sinn der
	        
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