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Bildende Kunst.
Gleichwohl spricht ein an sich sehr äußerlicher Umstand
dagegen, daß Uhde schon den vollen Ausdruck des religiösen
Idealismus erreicht habe, dessen die neuere Malerei fähig ist.
Uhde hat keinen vollwertigen Nachfolger gefunden. Eine
religiöse Kunst darf, will sie groß sein, nicht bloß individuelle,
subjektive Stimmungen wiedergeben; eine religiöse Kunst muß
mehr sein, als eine That persönlicher Frömmigkeit. Alle
zroße religiöse Kunst ist kirchliche Kunst gewesen, hat Stim—
mungen zum Ausdruck gebracht, die mehr oder minder Gemein—
gut der Zeit waren, und ist eben darum Herzenssache ganzer
Gruppen und Geschlechter von Malern gewesen. Dies Moment,
und mit ihm die Nachfolge anderer, fehlt Uhde. Natürlich
wird ihn niemand dafür verantwortlich machen. Es fehlt der
Zeit. Und hier sehen wir in den tiefsten Spiegel der Ent—
wicklung des malerischen Idealismus der Gegenwart. Eine
idealische Kunst höchsten Ranges kann nicht bestehen ohne
das Sturmeswehen einer Weltanschauung, durch das sich alle
oder wenigstens alle Berufenen ergriffen fühlen: sie bedarf der
ganzen Psyche des Menschen der führenden Schichten, um
schaffend und nachempfindend wahrhaft Großes zu zeugen.
Wird uns eine solche Kunst noch beschert werden? Wir
vertrauen dem Genius unseres Volkes, der die Ahnen von
Höhe zu Höhe geführt hat, und wir glauben an eine Er—
neuerung großer Zeiten in noch niemals erlebtem Sinne.