Full text : Die deutsche Hausindustrie

100  IV.  Kap.:  Wirtfchaftliche  und  foziale  Zuftände  in  der  Hausinduftrie

verfchwindend  geringe  Konfum  von  Fleifch,  während  der  größere  Milchkonfum
einen  Vorzug  vor  der  noch  ärmlichem  Webernahrung  bedeutet.
Zu  den  der  Hausinduftrie  überhaupt  anhaftenden  Schädigungen  kommen
noch  folche,  die  einzelnen  Gattungen  der  Hausinduftrie  eigen  find  und  die  hier
doppelt  gefährlich  wirken,  weil  der  Arbeitszeit  keine  Grenze  gefetzt  ift  und  weil
Schutzvorrichtungen  wie  in  der  Fabrik  hier  meift  gänzlich  fehlen.  x )  In  der
Konfektion  ift  es  die  andauernd  fitzende  Haltung  der  Arbeiter  und
Arbeiterinnen,  welche  den  Lungen  nicht  die  nötige  Ausdehnung  geftattet,
den  Abfluß  des  Blutes  vom  Herzen  in  die  Blutgefäße  erfchwert,  und  Lungenund
  Herzkrankheiten  hervorruft.  Das  ununterbrochene  Mafchinennähen
führt  zur  Übermüdung  der  untern  Gliedmaßen  und  durch  die  Erfchütterung
wie  durch  die  Blutüberfüllung  zu  krankhaften  Störungen  der  Unterleibsorgane.
Weitere  Berufskrankheiten  im  Konfektionsgewerbe  find  nervöfe  Erfcheinungen,
Fingerkrämpfe,  Muskelzittern  und  ähnliches,  Verminderung  der  Sehkraft
infolge  der  ungünftigen  Körperhaltung,  der  mangelhaften  Beleuchtung  und
der  Blendung  in  der  Weißnäherei.
In  der  Kleineifeninduftrie  ift  der  gefährlichfte  Feind  der  Arbeiter ­
  der  aus  feinften  fcharfkantigen  Teilchen  von  Stahl  und  Sandftein  beftehende
  Staub,  der  in  den  Lungen  krankhafte  Zuftände  erzeugen  kann  und  den
Schleifern  in  frühem  Lebensalter  die  todbringende  Tuberkulofe  fchafft.  In
einer  Verfammlung  des  „Deutfchen  Vereins  für  öffentliche  Gefundheitspflege“,
die  September  1909  in  Zürich  tagte,  konftatierte  Dr.  Kaup  (Berlin)  in  einem
Referat  über  die  Hygiene  der  Heimarbeit,  daß  von  den  Glasfchleifern  ein
Drittel  fchon  im  Alter  von  25  bis  40  Jahren  zugrunde  geht  und  etwa  75  Prozent
an  der  Tuberkulofe  fterben.  —  Ebenfo  ift  bei  den  Griffelmachern,
den  Tabakarbeitern  und  bei  den  Bürftenmachern  der  feine
Staub  der  Erreger  gefährlicher  Krankheiten.  Staubauffauger,  wie  in  der  Fabrik,
fucht  man  eben  in  der  Hausinduftrie  vergebens.  —  Als  Schädlichkeiten  der
Bijouterieinduftrie  kommen  in  Betracht  die  fitzende  Haltung,
die  Überanftrengung  der  Augen,  der  häufige  Gebrauch  des  Lötrohrs  für
Goldfehmiede  und  Kettenmacher,  die  Entwicklung  fchädlicher  Säuredämpfe
beim  Färben  und  Löten.
Die  Zahlen  über  die  Erkrankungshäufigkeit  und  Sterblichkeit ­
  der  Hausinduftriellen  gewiffer  Branchen  find  denn  auch
beträchtlich  hoch.  So  kamen  nach  den  Berichten  der  Berliner  Betriebskrankenkaffen ­
  von  1000  Todesfällen  unter  den  Konfektionsarbeitern  auf  Krankheiten
')  Vgl.  Prof.  Sommerfeld  a.  a.  O.;  befonders  auch  B  ittman  n  a.  a.  O.
1046  ff.
            
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