§ I. Tatfächlichc Gründe für das Beftehen der Hausinduftrie
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häuslichen Dienften oder in der Fabrik genügend Befchäftigung fanden.
Fabriken gibt es im Innern der Städte weniger wegen der hohen Boden-
und Mietpreife, und die vorhandenen Fabriken find vorwiegend für Männer
arbeit beftimmt. Dem Verleger in den weiblichen Hausinduftrien fehlt es daher
nie an Arbeitskräften. Aber auch die zahlreichen frühem Handwerksmeifter,
die ihre Selbftändigkeit nach und nach verloren hatten, vor der Fabrik aber eine
gewiffe Scheu haben und lieber in der eignen Werkftätte jegliche Arbeit an
nehmen, vermehren die Zahl der arbeitfuchenden Hausinduftriellen. Alfo
auch hier ift es wiederum das Überangebot der Kräfte, das die Arbeitskraft
fo fehr verbilligt und für die Hausinduftrie einen günftigen Boden bereitet.
Billig ift der ganze verlagsmäßige Betrieb, wei!
ein großer Teil der Koften, die der Fabrikunternehmer felbft tragen muß,
bequem auf die Schultern der hausinduftriellen Arbeiter abgewälzt werden
kann. Es liegt im Wefen der Hausinduftrie, daß fie vorwiegend auf der ge
häuften Arbeit, nicht fo fehr auf dem Zufammenfchluß von Arbeit und
Kapital, wie die Fabrik, beruht. Der Verleger braucht kein Kapital für
Standort und Bau der Fabrik — bei den heutigen ftädtijchen Bodenpreifen
ein enormer Vorfprung —, er braucht kein Kapital für die Inftandhaltung der
Arbeitsräume, für Beleuchtung, Heizung ufw., keines für Motoren und häufig
auch keines für Werkzeugmafchinen, die der Hausinduftrielle in vielen Fällen
felbft ftellen muß. Indem all diefe Generalfpefen, die den Fabrikbetrieb häufig
fo fchwer belaften und fo riskant erfcheinen laffen, auf die hausinduftriellen
Arbeiter abgewälzt werden, benötigt der Verleger nur eines verhältnismäßig
geringen Kapitals zur Befoldung der Angeftellten und allenfalls auch noch
Bejchaffung von Rohftoffen und Werkzeugen. Die Rentabilität des Betriebs
beruht für ihn in erfter Linie auf dem großen Angebot von Arbeitskräften, die
ftets vorhanden find und bei günftiger Konjunktur in hohem Maße ausgenutzt
werden, die aber auch ftets abgeftofzen werden können und bei rückläufiger
Konjunktur alle Nachteile allein tragen. Dies ift um fo mehr von Bedeutung,
als ein guter Teil der Hausinduftrie aus fogenannter Saifoninduftrie
befteht, d. h. folcher gewerblichen Tätigkeit, nach deren Produkten in gewiffen
Zeiten des Jahres die Umfrage fehr groß ift, während fie zu andern Zeiten faft
ganz zurücktritt. Hierher gehört vor allem die von der rafch wechfelnden Mode
fo fehr beeinflußte Damenkonfektion (nicht fo fehr die Herrenkonfektion),
aber auch die Seidenband- und Trikotinduftrie, die Spielwarenfabrikation u. a.
In all diefen Saifoninduftrien ift für das kapitaliftifche Intereffe des Verlegers
die Billigkeit des Betriebs und die geringe Menge von angelegtem Kapital
von maßgebender Bedeutung. Die größten Beftellungen können in der Saifon
Koch 2 , Die deutfche Hausinduftrie 8