Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  I.  Tatfächliche  Gründe  für  das  Beftehen  der  Hausinduftrie

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ihre  Mutterpflichten,  gänzlich  zu  vernachläjfigen.  Die  Fürforge  für  das  junge
Leben  und  fein  Gedeihen  fordert  zum  mindeften  die  Gegenwart  der  Mutter.
Sie  kann  fich  nicht  Tag  für  Tag  durch  die  Fabrikarbeit  binden,  ohne  ihre  Familie
fchwer  zu  fchäaigen.  Durch  das  Fehlen  der  Hausfrau  wäre  der  Familie  Mittelpunkt ­
  und  Lebensquell  entzogen.  Wir  dürfen  aber  die  Familie  in  ihrem  fittigenden
  Einflufz  nicht  noch  mehr  Iahmlegen,  als  es  ohnehin  durch  die  moderne
Volkswirtfchaft  gefchehen  ift.  Denn  wir  können,  wie  auch  Profeffor
Sombart  mit  Bezug  auf  die  Heimarbeit  entgegen  feiner  frühem  Beurteilung
anerkannte,  die  Famil  ie  in  ihren  fittlichen  Potenzen  gar  nicht  hoch  genug  ein  -
fchätzen.
Neuerdings  hat  Käthe  Gaebel 1 )  vergleichende  Unterfuchungen  angeftellt
hinfichtlich  der  Haushaltführung  durch  Fabrikarbeiterinnen  und  Heimarbeiterinnen. ­
  Sie  zieht  dabei  die  verfchiedenften  Momente  in  Betracht,  fo  die  Koften
für  die  Kinderbewahrung,  die  den  aufzerhäuslich  Tätigen  erwachfen  und
die  nach  dem  Urteil  einiger  Beobachter  häufig  den  Mehrverdienft  aus  der  aufzerhäuslichen
  Tätigkeit  überfteigen  follen,  die  verfchiedenen  pfychifchen  und
phyfichen  Wirkungen  der  Heimarbeit  und  der  Fabrikarbeit  auf  das  Wefen  der
Frau,  und  gelangt  zu  folgendem  Schluß  :  „Ziehen  wir  die  Bilanz  zwifchen  den
Möglichkeiten,  die  Fabrikarbeit  und  Heimarbeit  in  bezug  auf  die  Führung  des
Haushalts  gewähren,  fo  fcheint  es  mir,  da(z  fie  fich  zugunften  der  Heimarbeit
geftaltet.  Die  Wage  kann  da,  wo  die  Löhne  fehr  tief  finken  und  im  Gefolge
eine  fieberhafte,  überlange  Arbeit  bei  ärmlichem  Einkommen  auftritt,  fich
allerdings  auch  zugunften  der  Fabrikarbeit  neigen,  aber  diefe  Begleiterfcheinungen
  find  nicht  unauflöslich  mit  der  Hausinduftrie  verknüpft.  Sie  können  in
einem  gewiffen  Grade  durch  eine  kraftvolle  Heimarbeiterpolitik  befchränkt
und  befeitigt  werden.“
Der  gefunde  Sinn  der  Frauen  urteilt  ebenfo.  Die  meiften  Frauen  greifen
zur  Heimarbeit  im  Intereffe  des  Haushalts.  Nach  einer  Enquete  des  Gewerkvereins ­
  der  Heimarbeiterinnen  geben  70  Prozent  der  Heimarbeiterinnen  beffere
Verforgung  des  Haushalts  als  Grund  der  Heimarbeit  an.
Als  eine  Ergänzungs-  und  Füllarbeit  kommt  endlich  die  Hausinduftrie  in
Betracht  für  eine  grofze  Anzahl  von  bäuerlichen  Familien,  namentlich  in  gebirgigen ­
  Gegenden. *  2 )  Ihr  bäuerlicher  Betrieb  ift  weder  ausgedehnt  noch  intenfiv
genug,  um  die  Arbeitskräfte  der  ganzen  Familie  Tag  für  Tag  zu  befchäftigen.
Die  langen  Winterabende  und  auch  die  Wintertage  können  von  den  Bauern  in
*)  K.  G  a  e  b  e  I,  Die  Heimarbeit  22  ff.
2 )  Vgl.  Bittmann  a.  a.  0.  987  ff;  P.  Arndt,  Die  Heimarbeit  im  rheinifchmainifchen
  Wirtfchaftsgebiet,  I.

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