114 V. Kap.: Volkswirtfchaftliche und foziale Bedeutung der Hausinduftrie
in kürzerer Zeit befriedigt werden mit Hilfe des ftets vorhandenen Arbeits
angebots; und wenn dann die rückläufige Konjunktur kommt, fteht für den
Unternehmer gar kein Kapital auf dem Spiele, das er inveftiert hätte und das
jetzt aufhörte, Renten abzuwerfen. Die Arbeiter werden mit einem Schlage be*
fchäftigungslos und tragen den ganzen Nachteil der fchlechten Konjunktur. 1 )
Unter den billigen Arbeitskräften, die [ich zur Hausinduftrie in der Über
zahl anbieten, verdient eine Gruppe befondere Beachtung, die grofze Gruppe
derjenigen, die unter allen Umftänden gewerbliche
Arbeit nur im eignen Haufe verrichten können, fei
es, dafz fie durch Krankheit und Alter, fei es durch Pflichten ihrer Familie
gegenüber ans Haus gebunden find. Das Alter mit feiner Invalidität führt ohne
Zweifel eine größere Anzahl Männer und Frauen der Heimarbeit zu, wie die
ftärkere Befetzung der hohem Altersklaffen mit Heimarbeit beweift. Die andere
Gruppe „halber Kräfte“, kranke und krüppelhafte Perfonen, die fich nicht
mehr der geregelten Fabrikarbeit unterziehen können, fcheint nicht fo ftark
in der Heimarbeit vertreten zu fein, wie bisher allgemein angenommen wurde,
jedenfalls kommen für diefe nur ungelernte Hausinduftrien in Betracht, wo
fern nicht eine in gefunden Tagen erlernte beffere Heimarbeit beibehalten wird.
Eine befondere Beachtung dagegen haben wir der Frau zu fchenken,
der Mutter in der ftädtifchenLohnarbeiterfamilie. * 2 )
Ein grofzer Teil der häuslichen Arbeiten, die ehedem die Hausfrau vollauf be-
fchäftigten, ift ihr in der modernen, auf Arbeitsteilung eingerichteten Volks-
wirtfehaft abgenommen; Spinnen, Weben, Nähen, Backen ift aus der häus
lichen Privatwirtschaft fo gut wie ausgefchieden. Ein grofzer Teil der Zeit im
Tage ift dadurch für die Hausfrau freigefetzt. Wird man es ihr verargen,
wenn fie die freien Stunden im Tage zu gewerblicher Arbeit benutzt? —
Dazu kommt noch ein anderes Moment. Der Lohn, den der männliche
Ernährer nach Haufe bringt, ift an fich vielleicht recht bedeutend, aber
für die kinderreiche Arbeiterfamilie in der Grofzftadt doch nicht ganz aus
reichend, um fo weniger ausreichend, als Miete und Lebensmittel-
greife hier andauernd im Steigen begriffen find. Die Frau möchte gern
auch ihrer feits verdienen helfen. Aber follen wir fie darum gleich in die Fabrik
treiben? Sie kann die Fabrikarbeit nicht übernehmen, ohn ihre zarteften und
ftärkften Inftinkte völlig zurückdrängen zu laffen, ohne ihre fchönften Pflichten,
') Der Bericht der Berliner Handelskammer „Die Heimarbeit in Berlin“ (Berlin
1906), der als Gegenfchrift zur Berliner Heimarbeitausftellung erfchien, gibt die
Billigkeit des verlagsmäfcigen Betriebs als wirkfamftes Motiv der grojzen Verleger ganz
unumwunden zu.
2 ) 0. Dy h re n f u rt h, in Conrads Jahrbüchern 1904, 21 ff.