Full text : Die deutsche Hausindustrie

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I.  Kap.:  Begriff  und  Einteilung  der  Hausinduftrie

Diefe  Auffaffung  fcheint  mir  vor  allem  deswegen  berechtigt,  weil  der  Begriff
Hausinduftrie,  der  ebenfo  wie  feine  Synonyma  Heimarbeit,  Hausarbeit,  Hausgewerbe ­
  auf  das  Arbeitsverhältnis  hinweift,  heute  allgemein  üblich  ift  und
durch  den  Sprachgebrauch  ein  Vorrecht  dem  Verlagsfyftem  gegenüber  erhalten
hat.  Begriffserklärungen  knüpfen  aber  am  füglichften  an  den  herrfchenden
Sprachgebrauch  an,  wenn  fie  nicht  neue  Verwirrung  fchaffen  wollen.  Zudem
fcheint  mir  die  Erörterung  des  Arbeitsverhältniffes  mehr  als  die  der  Unternehmungsform ­
  den  wiffenfchaftlichen  und  praktifchen  Zwecken  des  heutigen
Problems  zu  entfprechen.  Büchers  Unterfuchungen  behalten  darum  ihren  hohen
wirtfchaftshiftorifchen  und  nationalökonomifchen  Wert.
Wo  das  Verlagsfyftem  im  Vordergrund  fteht  und  die  Tätigkeit  des  Verlegers ­
  das  Zentrum  bildet,  ift  man  auch  leicht  geneigt,  einen  einheitlichen
Betrieb  infoweit  anzunehmen,  als  die  Hausarbeiter  von  einem  Verleger  die
Arbeit  erhalten.  Tatfächlich  ift  das  auch  die  Auffaffung  Büchers,  die  aber  noch
fchärfer  von  andern,  wie  0.  Schwarz 1 )  und  S  o  m  b  a  r  t  *  2 ),  formuliert  wird.
Die  Hausinduftrie  erfcheint  hier  als  dezentralifierter  Großbetrieb,  als  Gegenftiick
zur  zentralifierten  Fabrik.  Indes  darf  diefe  Betriebseinheit  der  Hausinduftrie
nicht  zu  fehr  betont  werden,  da  fie  doch  fehr  häufig  durchbrochen  erfcheint,
wenn  ein  Zwifchenmeifter  oder  Heimarbeiter  von  mehrern  Unternehmern
feine  Aufträge  erhält,  fo  daß  hier  ein  Betrieb  gleichfam  in  den  andern  hinübergreift, ­
  und  da  ferner  eine  einheitliche  Leitung  in  der  gewerblichen  Produktion
meiftens  überhaupt  fehlt,  und  nur  eine  kaufmännifche  Zentralleitung  vorhanden ­
  ift. 3 )
K  a  r  1  M  a  r  x  und  in  offenfichtlichem  Anfchluß  anihnWernerSombart
haben  beider  Definition  der  Hausinduftrie  das  Kapital  in  den  Vordergrund  gerückt. ­
  Marx  fagt  4 ):  „Diefe  fogenannte  moderne  Hausinduftrie  hat  mit  der  altmodifchen,
  die  unabhängiges  ftädtifches  Handwerk,  felbftändige  Bauernwirt  fchaft
und  vor  allem  ein  Haus  der  Arbeiterfamilie  vorausfetzt,  nichts  gemein  als  den
Namen.  Sie  ift  jetzt  verwandelt  in  das  auswärtige  Departement  der  Fabrik,  der
Manufaktur  oder  des  Warenmagazins.  Neben  den  Fabrikarbeitern,  Manufakturarbeitern ­
  und  Handwerkern,  die  es  in  großen  Maffen  räumlich  konzentriert  und
direkt  kommandiert,  bewegt  das  Kapital  durch  unfichtbare  Fäden  eine  andere
Armee  in  den  großen  Städten  und  über  das  flache  Land  zerftreuter  Hausarbeiter.“ ­
  Und  Werner  Sombart  fagt 5 ):  „Verlagsfyftem  (Hausinduftrie)  ift
J )  Zeitfchrift  für  die  gefamte  Staatswiffenfchaft  (1869)  546.
2 )  a.  a.  0.
3 )  Vgl.  L  i  e  f  m  a  n  n  a.  a.  0.  14  ff.
4 )  K.  Marx,  Das  Kapital  I 5  427-5
 )  Art.  „Verlagsfyftem“  im  Handwörterbuch  der  Staatswiffenfchaften  VIII 3 .
            
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