Full text : Die deutsche Hausindustrie

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VII.  Kap.:  Selbfthilfe

Endlich,  am  2.  Oktober  1900,  alfo  nach  1%  Jahren  feit  Beginn  der  Arbeit,
kam  diefe  unter  dem  Namen  „Gewerkverein  der  Heimarbeiterinnen  der
Kleider-  und  Wäfchekonfektion“  zuftande.  Ein  Satzungsentwurf  wurde  beraten ­
  und  angenommen  und  etwa  100  Mitglieder  traten  bei.  Der  Beitrag
wurde  der  geringen  Zahlungsfähigkeit  der  in  Betracht  kommenden  Arbeiterinnen ­
  halber  auf  nur  20  Pf.  monatlich  feftgelegt.  Um  die  Kaffe  leiftungsfähiger
zu  machen,  wurde  befchloffen,  auch  außerordentliche  Mitglieder  mit  einem
Mindeftbeitrag  von  3  M.  aufzunehmen,  d.  h.  Perfönlichkeiten,  die  nicht  Heimarbeiterinnen ­
  waren.  Durch  diefe  Einrichtung  wurde  es  gleichzeitig  den
Befucherinnen  möglich  gemacht,  auch  fernerhin  mit  den  Heimarbeiterinnen,
den  ordentlichen  Mitgliedern,  gemeinfam  zu  arbeiten;  es  gab  endlich  ein  Gebiet,
auf  dem  Frauen  der  verfchiedenften  Stände  als  Gleichberechtigte  miteinander
tätig  waren.  Seibftverftändlieh  wurde  fchon  am  Gründungsabend  ein  Vorftand
  gewählt.  Hierbei  zeigte  fich  fofort  die  Notwendigkeit  der  außerordentlichen ­
  Mitglieder;  denn:  konnte  von  den  fchwer  belafteten  und  ums  tägliche
Brot  ringenden  ordentlichen  Mitgliedern  noch  eine  viel  Zeit  in  Anfpruch  nehmende
  unentgeltliche  Arbeit  für  den  Gewerkverein  verlangt  werden?  Hier
und  da  freilich  kam  das  Mißtrauen  zutage,  ob  diefe  außerordentlichen  Mitglieder ­
  auch  wirklich  das  Intereffe  der  Arbeiterinnen  fo  felbftlos  und  nachhaltig ­
  vertreten  würden;  aber  es  waren  doch,  wie  fchon  gefagt,  nur  vereinzelte
Stimmen,  die  Mehrzahl  hatte  bereits  Vertrauen  gefaßt.“
Das  ift  die  Entftehungsgefchichte  des  Gewerkvereins  der  Heimarbeiterinnen ­
  für  Kleider-  und  Wäfchekonfektion  und  verwandte  Berufe,  wie  er
anfänglich  hieß.  Die  Schwierigkeiten,  die  den  Anfang  begleiteten,  find  in  den
folgenden  Jahren  nicht  gefchwunden.  Zu  der  Indolenz  in  den  eignen  Reihen
gefeilten  fich  als  weitere  feindliche  Mächte  die  Gegnerfchaft  des  Unternehmertums, ­
  vor  allem  der  Konfektionäre,  namentlich  aber  eine  fcharfe  Bekämpfung
feitens  der  Sozialdemokratie,  die  der  ganzen  Organifation  jeglichen  gewerkfchaftlichen
  Charakter  abfprach  und  fie  bei  Tarifabfchlüffen  öfter  mit  Gewalt
auszufchalten  fuchte.  Von  ftarken  Mitgliederverluften  blieb  der  Gewerkverein,
wie  alle  übrigen  Gewerkfchaften,  nicht  verfchont.  Es  kam  fogar  ein  Jahr  der
Krifis  (1910),  das  infolge  einer  Neuregelung  der  Beiträge,  aber  auch  einer
allgemeinen  Wirtfchaftsdepreffion  einen  Rückgang  in  der  Mitgliederzahl
brachte.  Den  fchwierigen  Verhältniffen  zeigte  fich  aber  die  zähe  Arbeit  der
Führerinnen  ftets  gewachfen,  unter  denen  Margarete  Behm,  Gertrud  Dyhrenfurth
  und  die  verftorbene  Therefe  de  la  Croix  befonders  genannt  zu  werden
verdienen.  Aus  dem  kleinen  Häuflein  von  150  Arbeiterinnen,  das  Ende  1900  den
Gewerkverein  ausmachte,  ift  eine  ftattliche  Organifation  von  mehr  als  8000
            
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