Full text : Die deutsche Hausindustrie

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VI!I.  Kap.:  Hilfe  von  aufzenftehenden  Kreifen

vergeffen  werden.  Andere  Ausheilungen  zeigen  uns,  wie  herrlich  weit  wir
es  gebracht  haben,  wie  die  Volkswirtschaft  beftändig  und  rafch  voranfchreitet,
wie  die  Blüte  der  Kultur  fich  immer  reicher  und  fchöner  entfaltet;  hier  follen
wir  daran  gemahnt  werden,  wieviel  uns  noch  an  innerer  Kultur  chriftlicher
Nächftenliebe  und  echter  Solidarität  fehlt,  wie  an  zahlreichen  alltäglichen  Genufzgütern
  moderner  Kulturmenfchen  ein  Stück  Verarmung  und  unwürdig
entlohnter  Arbeit  haftet.  Der  fchwere  Vorhang,  der  fonft  den  Konfumenten
vom  mechanifch  arbeitenden  Produzenten  trennt,  ift  hier  weggezogen,  und  der
Konfument  und  Käufer,  der  fich  fonft  der  billig  erftandenen  Ware  freut,  foll
hier  dam  Elend  ins  Geficht  fchauen,  das  mit  der  Herftellung  der  Ware  vielfach
verknüpft  ift.  Die  vornehme  Dame,  die  ihre  Spitzen  in  den  Salons  bewundern
läfzt,  der  flotte  Student,  der  fich  mit  bunter  Mütze  und  feidener  Schärpe  ziert,
die  Kinder,  die  unter  dem  Chriftbaume  jubeln,  fie  alle  ahnen  in  der  Regel
nicht,  dafz  ihre  Freude  erkauft  ift  mit  harter  Arbeit  und  bitterer  Not  ganzer
Heimarbeiterfamilien.  Wer  aufmerkfam  eine  Heimarbeitausftellung  ftudiert,
wird  ftaunen,  wieviel  Gegenftände  des  täglichen  Lebens  in  der  Heimarbeit  hergeftellt
  werden:  das  Spielzeug  unferer  Kinder,  unfere  Wäfche,  der  maffenhafte
  Putz  der  Frauenkleidung,  ja  Lebens-  und  Genufzmittel  erftehen  ganz  oder
teilweife  unter  menfehenunwürdigen,  gefundheitswidrigen  Arbeitsbedingungen
in  der  Heimarbeit.  Denn  in  den  dumpfen  Stuben,  in  denen  gearbeitet,  gefchlafen,
  gekocht,  gewafchen  wird,  kurz,  in  denen  fich  das  ganze  Leben  der
heimarbeitenden  Familien  abfpielt,  mufz  von  früher  Morgenftunde  bis  in  die
fpäte  Nacht  hinein  für  einen  oft  jämmerlichen  Lohn  von  allen  Familienmitgliedern ­
  luftlos  gearbeitet  werden,  jeden  Tag  immer  wieder,  monoton  und
eilig.
An  all  das  follen  die  Befucher  der  Heimarbeitausftellung  gemahnt  werden,
fie  follen  zum  Nachdenken  und  Mitfühlen  erzogen  werden.  Die  meiften  find
folcher  Belehrung  und  Erziehung  bedürftig,  denn  Beatrice  Webb  hatte  recht,
wenn  fie  fagte:  „Die  ganze  Nation  ift  der  Ausbeuter  der  Heimarbeit!“
Der  cinfachfte  Weg,  den  Blick  der  Ausftellungsbefucher  auf  die  foziale
Lage  der  Heimarbeiter  hinzulenken,  ift  eine  Darlegung  der  Lohnverhältniffe.
  Auf  Zetteln,  die  jedem  Produkt  angefügt  find,  ift  zu  lefen
die  zur  Herftellung  des  Artikels  erforderte  Zahl  von  Arbeitftunden,  der  Stücklohn ­
  für  den  Artikel;  daraus  ift  dann  der  durehfehnittliehe  Stundenlohn  berechnet, ­
  der  bald  als  Brutto-,  bald  als  Nettolohn  aufzufaffen  ift.  Da  begegnen
einem  nun  Heimarbeitslöhne  von  6,  5,  4  Pf-  bis  zu  1  %  Pf.  herunter,  vornehmlich
in  jenen  Induftrien,  in  denen  Frauen-  und  Kinderarbeit  die  Löhne  zu  fenken
pflegt.
            
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