Full text : Die deutsche Hausindustrie

in  den  Städten  die  11  ftündige  Arbeitszeit  eingehalten,  wenn  auch  auf  dem  Lande
Arbeitszeiten  bis  zu  14  und  15  Stunden  Vorkommen.  Die  Feftfetzung  einer
Maximalarbeitszeit  ift  berechtigt  und  wünfchenswert  zum  Schutze  der  Heimarbeiter
  vor  Ausbeutung  ihrer  Kraft  durch  Verleger  und  Fabrikanten.  Die
Eigenart  der  Heiminduftrie  bedingt  dabei  jedoch  nicht  nur  oft  einen  tiefen  Eingriff
  in  das  engere  Familienleben,  fie  wird  auch  in  ihrer  Eigenfchaft  als  Saifonoder
  Nebenarbeit  befonders  empfindlich  getroffen.  Der  Heimarbeiter,  der  nach
langer  Flaue  die  Saifon,  wenn  auch  mäßig,  ausnutzen  will,  ift  daran  behindert
durch  die  Maximalarbeitszeit,  ebenfo  wie  er  ein  im  Laufe  des  Arbeitstages
eingetretenes  notwendiges  Verfäumnis  durch  abendliche  Überftunden  nicht
einholen  kann.  Das  hat  dem  Maximalarbeitstag  in  Anrath  unter  den  Hausarbeitern, ­
  die  in  den  letzten  Jahren  unter  der  fchlechten  Konjunktur  arg  zu
leiden  hatten  und  den  nur  feiten  eintretenden  Gefchäftsauffchwung  gehörig
ausnutzen  wollten,  viel  Feinde  gefchaffen.  In  der  Tat  wird  hier  noch  im  Laufe
diefes  Jahres  (1913)  die  Befchränkung  der  Arbeitszeit  aufgehoben  und  Strom
nur  nach  Zählern  geliefert  werden.
Eine  günftigere  Beurteilung  verdient  unter  allen  Umftänden  der  Lohntarif,
  der  auch  in  Anrath  gleichzeitig  mit  der  motorifchen  Kraft  eingeführt
wurde.  Die  angemeffenen  Stücklohnfätze  des  Tarifs  find  u.  a.  eine  hinreichende
Gewähr  dafür,  dafz  die  Arbeitszeit  nicht  über  Gebühr  ausgedehnt  wird.  Freilich ­
  wird  gegenwärtig  in  Anrath  auch  der  fozialpolitifche  Wert  des  Lohntarifs ­
  in  der  Bandwirkerei  ftark  angezweifelt,  aber  aus  einem  eigenartigen
Grunde.  Der  Tarif,  der  den  Crefelder  Fabrikanten  mehr  oder  weniger  aufgezwungen ­
  wurde,  hat  bei  diefen  ein  ftarkes  Mißbehagen  hervorgerufen,  fo  daß
fie  jetzt  ihre  Arbeitsaufträge  viel  mehr  den  bergifchen  als  den  Anrather
Arbeitern  zuwenden.  Das  bedeutet  für  die  Anrather,  die  von  den  Crefelder
Fabrikanten  ganz  abhängig  find,  einen  fchweren  Verluft,  der  aber

trifchen  Antrieb  eine  Schutzwehr  gegen  mancherlei  wirtfchaftlichc
  Gefahren.
Daß  gerade  in  der  Seidenbandweberei  die  Elektrizität  Eingang  gefunden
hat,  erklärt  fich  aus  der  Technik  der  Seidenbandwebftühle.  Diefe  ift
derart,  daß  diefclben  Webftühle  für  Fabrik-  und  Hausinduftrie  in  Frage
kommen,  auch  an  die  alten  Stühle  fich  verhältnismäßig  leicht  die  elektrifche
            
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